Stillen die Zweite! Von Milchvampiren und Brustkrämpfen.

Auch beim zweiten Kind war klar, dass ich wieder stillen würde. Nach den Anfangsschwierigkeiten mit unserem Großen besorgte ich vorsorglich schonmal ein paar Fläschchen. Was sich als ziemlich kompliziert heraus stellte, da es zum damaligen Zeitpunkt in ganz Münster keine Glasfläschchen gab und ich wegen der Schadstoffbelastung nicht auf Plastik zurückgreifen wollte. Schließlich habe ich welche bestellt, was sich aber als absolut unnötige Geldausgabe herausstellen sollte.

Auch beim zweiten Anlauf hatten wir die gleichen Schwierigkeiten, wie beim ersten Mal. Wieder dauerte es geschlagene fünf Tage, bis meine Milch einschoss. In den ersten zwei – drei Tagen hatte ich noch Hoffnung, dass es schneller gehen würde und sperrte mich gegen ein Zufüttern, aber schließlich musste ich mich geschlagen geben und meiner hungrigen Maus am dritten Tag einen kräftigen Schluck aus der Flasche gewähren. Die war unterdessen nicht zimperlich. Das kleine Wesen saugte mit einer derartigen Hartnäckigkeit und Kraft an meiner Brust, dass die Spitzen meiner Brustwarzen von dunkelvioletten, fast schwarzen Blutergüssen gekrönt waren. Auch das ein Grund, weshalb ich ihr hungriges Wüten lieber mit einer Flasche besänftigte und meiner geschundenen Brust eine Auszeit gönnte. Doch nach den paar Tagen schoss endlich die Milch ein und alles lief super. Zumindest aus Lüffs Sicht. Für mich ergaben sich da ein paar klitzekleine Unannehmlichkeiten, die mich über die Inanspruchnahme einer Stillberatung nachdenken ließen. Denn das Lüff hatte die Kraft, mit der sie stillte, für lange Zeit nicht abgelegt. Das hatte zur Folge, dass zwar meine Brustwarzen nicht mehr violett wurden, weil die Milch ja floss, ich aber immer wieder von Vasospasmen und Schmerzen beim Milchspendereflex gequält wurde. Außerdem hat das Lüff ein sehr kurzes Lippenbändchen, was dazu führt, dass beim Anlegen die Oberlippe zwischen Kauleiste und Brustwarze rutscht. Zum Glück blieb ich von wunden Brustwarzen verschont, aber es erforderte ständiges Lösen und neu Anlegen, bis halbwegs angenehmes Stillen möglich war. Das mag erklären, warum mich das Stillen nie mit dieser Glückseligkeit erfüllt hat, von der so viele Mütter berichten. Ich empfand es manchmal mehr als notwendiges Übel. Aber auch ein geringeres, als ständig Fläschchen machen zu müssen. Was sowieso nicht ging. Denn die Fläschchen mit der mühsam durch Ausstreichen oder Abpumpen errungenen Milch hat das Lüff kategorisch verweigert. Ebenso wie den Gebrauch eines Schnullers. So dass wir halt viel und ausgiebig gestillt haben. Und das ganze acht Monate im Vollstillmodus. Denn genauso wenig wie sich unsere Tochter für Flaschen oder Schnuller interessierte, interessierte sie sich für jegliche Art von Nahrungsquelle, die nicht mit meiner Brust zu tun hatte. Sehr fixiert, dieses Kind.

26 Monate lang der schönste Platz der Welt fürs Lüff.

Mit acht Monaten fing sie dann an, Nahrung für sich zu entdecken. An Füttern war allerdings nicht zu denken. In den Mund stecken lies sie sich nichts. Auch alles Breiartige war lange Zeit verpönt. Nur wenn sie selbst matschen konnte, war sie ein zufriedener Esser. Auf diese Art kamen wir zum baby led weaning, ohne die Bezeichnung damals überhaupt zu kennen. Das Stillen blieb lange Zeit aber ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags und  unserer Nächte. Mindestens zwei Mal in der Nacht wurde getrunken und vor allem ausgiebig genuckelt. Versuchte ich sie von der Brust zu lösen, bevor sie wieder in den Tiefschlaf gefallen war, erntete ich empörtes Geschrei, und das Ganze dauerte noch länger. Eine ziemlich nervige und Kräfte zehrende Angelegenheit (dass es noch schlimmer kommen könnte, lag damals außerhalb meines Vorstellungsbereichs). Ich startete einige halbherzige, nächtliche Abstillversuche, die mit einem derartigen Gebrüll quittiert wurden, dass ich beschloss, dass Stillen das kleinere Übel sei und gerade auch im Familienbett sowieso bequemer, als zweimal in der Nacht eine Flasche bereiten zu müssen, wie bei unserem Großen. Und so machten wir weiter, über den Beginn meiner dritten Schwangerschaft hinaus. Erst im sechsten Schwangerschaftsmonat, als meine Brustwarzen immer empfindlicher wurden und das Stillen nur noch weh tat und ich dem Ganzen so gar nichts Schönes mehr abgewinnen konnte, stillten wir dann ab. Geklappt hat das aber nur, weil wir beide von einem derart heftigen Magen-Darm-Virus getroffen wurden, dass sowohl ich als auch das Lüff zu schwach zum Stillen waren und sich das Ganze in der Woche danach dann irgendwie von selbst erledigt hatte.

Ein paar Wochen später flüsterte das Lüff mir beim ins Bett bringen ins Ohr:
„Mama, ich würde so gerne nochmal Busi probieren! Darf ich?“ Natürlich ließ ich sie. Aber offensichtlich hatte die kurze Zeit gereicht, um die Technik zu verlernen. Mit enttäuschtem Blick sagte sie zu mir:
„Geht nicht mehr. Ist kaputt.“

Attachment am Arsch vorbei!

Hä? Was’n hier los? Stand nicht kürzlich erst in dem Interview, das die liebe Anja (übrigens eine sehr vielseitig aufgestellte Journalistin und selbst beziehungsorientiert lebende Mama) mit mir geführt hat, unsere Familie lebt das „Attachment Parenting“?! Puh, naja, irgendwie stimmt das ja auch. Nur, dass ich halt kein Freund von Kategorien und Schubladen bin (und ich grade großes Vergnügen mit dem Buch „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ habe und mich vom Titel inspirieren lies).

Bauchgefühl

Ich mache mein Ding schon immer sehr nach Bauchgefühl und ohne groß drüber nachzudenken, ob es einen Namen hat, und schon gar nicht, ob das Label sich gut macht, sondern mir geht es darum, ob es für mich und uns als Familie gut funktioniert. Das ist auch mit dem Attachment Parenting (AP) so. Ja klar, wir leben das. Nicht als „Erziehungsmodell“ oder Modeerscheinung, sondern weil es unsere Lebenseinstellung ist und war, schon bevor AP in den letzten Jahren mit einer riesen Welle durch die (sozialen) Medien schwappte. Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich manche Erkenntnisse für so selbstverständlich halte, dass ich mich manchmal wundere, dass dazu ganze Bücher geschrieben werden. Oder Begriffe kreiert. Mit „Baby-Led-Weaning“ ging mir das mit dem Wundern nämlich vor ein paar Jahren auch so. Als eine schwangere Nachbarin mir erzählte, also sie wolle ja später auf jeden Fall Baby-Led-Weaning machen. Und ich so voller Zustimmung: „Yeah! Klar, was sonst!,“ und dachte im Stillen, was ist denn das nun wieder für ein neumodischer Kokolores?! Mein bester Freund Google hat mir dann verraten, dass wir das schon lange machen. Wenn man es genau nimmt, so halbwegs schon beim Brei gefütterten Krieger, der mit 8 Monaten seinen Brei am liebsten selbst gelöffelt hat. Und gibst du eigentlich deinem Baby auch mal nen Keks zum lutschen? Ja, siehst du, dann bist du ja auch zumindest Teilzeit-Baby-led-weanerin.

Erziehungkonzepte – für’n Arsch

Ach nee. Darf ich ja nicht behaupten. Weil heutzutage ja alles entweder – oder ist. Wenn schon, denn schon. Sich nur das rausnehmen, was zu einem passt, das ist ab jetzt nicht mehr erlaubt. Jedenfalls darf man dann nicht behaupten, dass man irgendeine  Idee auch nur im Ansatz gut findet. Den Eindruck hatte ich beim Lesen dieses Zeit-Artikels, der wohl als Antwort zu interpretieren ist, auf den Shitstorm, den dieser Artikel vor inzwischen zwei Wochen in der die bindungsorientierte Social Media Welt ausgelöst hat. Eigentlich wollte ich da schon sofort losschreiben,  aber ich war zu beschäftigt damit, mich „selbst aufzugeben“. 😉 Inzwischen sind ja auch schon so viele tolle Stellungnahmen erschienen, dass ich eigentlich gar nix mehr sagen muss. Aber, ach Mensch! Ich mag auch. Weil ich wirklich erschüttert war. Und es immer wieder bin. Wenn ich da so total selbst aufgegeben mit meinem inzwischen-nicht-mehr-Baby dauerstillend im Bett liege und durch die einschlägigen Facebookgruppen scrolle und so viel Unsicherheit lese. Von der jungen Mutter, die sich darum sorgt, dass ihr Baby Schaden nimmt, weil es weint, weil es beim Babyschwimmen zu müde wurde und sie sich erst umziehen musste und es nicht sofort trösten konnte. Weil eine Mutter ihr Baby unbeabsichtigt zum Weinen gebracht hat und nun fürchtet, irgendwas kaputt gemacht zu haben. Weil sie sich alle, wie Caroline in ihrem Zeitartikel, so schrecklich unter Druck setzen, weil sie so dringend alles, aber auch alles richtig machen wollen. Und wisst ihr was, liebe besorgte Mamas: Das ist eigentlich der einzige Fehler, den man machen kann – der Anspruch alles richtig zu machen, das funktioniert nicht. All die tollen Erziehungkonzepte – für’n Arsch, wenn du dich selbst dabei stresst. Elternschaft ist nämlich kein Wettkampf, in dem man darauf schauen soll, was die anderen Eltern machen und ob man es auch so toll hinbekommt. Und unsere Kinder sind keine Trophäen, mit denen wir uns schmücken sollen und uns brüsten, wie toll wir sie durch die Gegend schleppen, im Familienbett kuscheln oder selbst essen lassen. Darum gehts doch beim AP gar nicht. Ging es noch nie. Und ich wundere mich wirklich, woher diese Unsicherheit im Umgang mit unseren Kindern kommt. Liegt es daran, dass so viele junge Eltern als Einzelkinder in kleinen Familien aufgewachsen sind? In meiner Stoffwindelberatung staune ich jedenfalls immer wieder darüber, wieviele Eltern sagen, sie hätten noch nie ein Kind gewickelt. Keine Geschwister, Cousins, Kusinen, nicht Baby gesittet… Das ist schon fast dramatisch, oder? Das ist ein bißchen so, als müsste man sich ans Steuer eines Airbus setzen – ohne Flugschein. Aber ich kann euch was verraten: Ein Baby ist zum Glück kein Flugzeug. Es gibt keinen Absturz, nur weil man das Steuer mal verreißt. Wenn ein Kind grundsätzlich emotionalen Halt durch seine Bezugspersonen hat, dann hat es auch Halt in sich selbst.

Ich hatte das Glück, in einer großen Familie aufzuwachsen, zwar ohne Geschwister, aber viele Tanten und Onkel mit noch mehr Kindern. Und dabei konnte ich eines lernen: Man muss nicht perfekt sein. Im Gegenteil. Das Beste, was unsere Kinder von uns lernen können, ist, dass es ok ist, unperfekt zu sein. Fehler zu machen. Sich dessen bewusst zu sein, zu ihnen zu stehen und daraus zu lernen. Liebenswert zu sein – richtig zu sein – auch wenn man nicht alles richtig macht. Liebevoll im Umgang mit meinen Kindern zu sein und doch mal meckern zu dürfen (aber hinterher entschuldigen!). Die Bedürfnisse meiner Kinder im Auge zu haben, ohne meine eigenen aus den Augen zu verlieren. Macht mich das zu einer besseren Mutter? Weiß nicht. Auf jeden Fall macht es mich zur besten Mutter, die ich sein kann.