Warum ich mein Kind in die Schule schicke (es aber lieber nicht täte).

Vor ein paar Tagen fragte eine Bekannte mich, nachdem ich bei Facebook einen Text über die Schädlichkeit von Hausaufgaben im Grundschulalter teilte, auf welche Schule wir unseren Großen schicken und wie zufrieden wir dort wären. Ich antwortete, dass die von uns ausgesuchte Schule (eine integrative Ganztagsschule mit offenem Lernkonzept) vermutlich die beste Wahl wäre, die wir treffen konnten und ich nicht glaubte, dass der Krieger an einer anderen Schule so gut aufgehoben wäre wie dort. Was ich in meiner Antwort unterschlagen habe war, dass ich mein Kind (manchmal) am liebsten gar nicht zur Schule schicken würde.

Zeitgleich sorgte ein Interview über genau das Thema des nicht-zur-Schule-schickens, dass ich ebenfalls dort teilte, für einigen Diskussionsstoff mit J., einem Vater aus unserer Kita. Es handelte sich um ein Gespräch mit André Stern, einem (ganz platt gesagt) Allround-Talent, dass in der Tageswoche veröffentlicht wurde.

J. kommentierte unter diesem Link einige bissige Kommentare, verglich André Stern unter anderem mit Erich von Dänicken. Dieser Vergleich hat mich doch einigermaßen erschüttert, muss ich gestehen. Auch wenn die Idee, sein Kind nicht zur Schule schicken zu wollen, auf den ersten Blick vielleicht ähnlich spinnert wirken mag, und man versucht ist, sie in eine alternativ-esoterisch-was-auch-immer Ecke zu stellen, sind die Erfahrungsberichte von Freilernern eben keine ausgedachten Geschichten, sondern zeugen von großteils positiven, individuellen Erfahrungen, die in weiten Teilen inzwischen sogar wissenschaftlich belegbar sind. Und Familien, die sich für das Modell des freien Lernens entscheiden, tun dies aus den unterschiedlichsten Gründen und kommen somit auch aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, die zumindest mit Esoterik meist gar nichts zu tun haben.

Nun mag man das, wie J. vorwirft, für „Realitätsverweigerung [halten, die] schon immer ein Verkaufsschlager gewesen [sei]“, allerdings geht es ja dem Großteil der Schulverweigerer nicht darum, ihre Ideologien zu verkaufen und auch diejenigen, die wie André Stern über ihre Erfahrungen berichten, verdienen mit anderen Dingen wesentlich besser. Aber aus dieser Formulierung erkennt man schon eine deutlich andere Sichtweise, um nicht zu sagen eine grundsätzlich abweichende Lebenseinstellung. Was für den einen als Geldmacherei erscheint, ist für den anderen ein Herzensthema, nicht um des Kommerzes willen, sondern um Wissen weiterzugeben, Menschen zu erreichen und im besten Falle Umdenken zu erzeugen (ich will hier ausdrücklich nicht behaupten, dass diese Leute damit nicht verdienen wollen – bei allem Idealismus ist Geld in unserer Gesellschaft nuneinmal lebensnotwendig, und von Gesellschaftskritikern zu fordern, sie dürften nicht von der Gesellschaft partizipieren ist einigermaßen weltfremd und hat schon in den 70ern bei Ton Steine Scherben für einige Dispute gesorgt). Aber schon hier haben wir einen wichtigen Grund, warum Menschen davor zurückschrecken, ihre Kinder in Schulen zu schicken: Unsere Schulen fördern mit ihrer jetzigen Unterrichtsform das Entstehen von Profitgier. Durch den ständigen Wettbewerb lernen unsere Kinder, dass in unserer Gesellschaft nur das „Höher, Schneller, Weiter“ zählt und ein erschreckend großer Teil unserer Bevölkerung kann hier gar nicht über den Tellerrand schauen.

Schon als Jugendliche hatte ich wilde Diskussionen mit meinen Lehrern darüber, ob es gerecht und angebracht sei, Noten in Fächern wie Kunst oder Sport zu vergeben. Wie kann es sein, dass jemand, trotz vollem Einsatz, Elan und Spaß an der Sache, auf Grund körperlicher Voraussetzungen eine schlechte Note bekommt? Mir mit meinen Stummelbeinchen hat dieser ständige Wettkampf schon in der Grundschule den Spaß am Sport vermiest – neben ziemlich bescheidenen Lehrern. Womit wir beim nächsten Punkt wären: Die Leistung in den Lernfächern hängt neben persönlichen Interessen des Schülers, und dessen individueller Entwicklung eben auch von der Qualität der pädagogischen Arbeit und dem Sympathielevel des Lehrers ab. Der dann in meinem Fall nicht nur bei einigen Sportlehrern bescheiden war, sondern z.B. auch in Chemie, wo ich vollkommen abgeschaltet habe, oder Physik, das ich trotz sehr guter Noten, bedingt durch einen Lehrerwechsel in der Oberstufe abgewählt habe. Und seitdem nun mein eigenes Kind zur Schule geht, spinne ich den Gedanken sogar weiter: Wenn ich die Vergabe von Noten in Fächern wie Kunst, Sport oder Musik schon für ungerechtfertigt halte, mit welcher Berechtigung werden sie denn in den übrigen Fächern vergeben? Ist die Annahme gerechtfertigt, Kinder würden nur aus Gründen des Wettbewerbs heraus angespornt, Wissen zu erlangen, ihr Wissen zu mehren? Unsere Sozialisation, unsere Gesellschaft macht uns dies Glauben. Tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall. Benotungen wirken auf die Leistungsbereitschaft leistungsschwacher Kinder zusätzlich ausbremsend  und stark selektiv, sie ebnen oder versauen die Schulkarriere in unserem Land bereits in der Grundschule. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass in unserem Land der Lebensweg eines zehnjährigen Kindes bereits fest zementiert wird, durch ein Schulsystem, dass in seiner Form dem preußischen Königreich entspringt. Ein System, dass durch G8 in unserer schnelllebigen Zeit noch schneller greifen muss, in dem unsere Kinder nicht spielerisch lernen dürfen, sondern nur noch schneller funktionieren müssen. Ich könnte an dieser Stelle jetzt noch das Fass aufmachen von Burn-Outs bei Schülern, Depressionen, körperlichen Stresssymptomen… Ich lasse es. Aber das ist Realität. Und um auf J.’s Vorwurf zurück zu kommen: Ja, dieser Realität verweigere ich mich! „Realitätsverweigerung“ war schon immer der Antriebsmotor für gesellschaftliche Veränderungen.
Ich nenne das eher Autoritätsverweigerung. Und wenn man in der Geschichte zurück blickt, waren Autoritätsverweigerer bisher recht positiv für unsere Gesellschaft.

Wir haben das Glück, dass all das an der Schule unseres Sohnes anders läuft. Dass er diese Schule ohne Schulwechsel bis zur 10. Klasse besuchen können wird, mit Möglichkeiten des freien Lernens, nach seinem Tempo und Interessen, ohne Notendruck. Ich bin mir nicht sicher, wie wir gehandelt hätten, wenn wir diese Schule nicht gefunden hätten. Und trotz all der Vorzüge, die unsere Schule bietet, erlebe ich wie mit der Schulpflicht der gleiche Zwang auf meinen Sohn ausgeübt wird, wie ich selbst ihn erlebt habe. Ich sehe, wie er in vielen Fächern schon weit voraus ist, weil er sich das Wissen aus kindlicher Neugier längst selbst angeeignet hat und sich dann teilweise langweilt. Ich sehe genauso, dass er in manchen Fächern „hinterher“ ist, weil sein Interesse dafür erst später eingesetzt hat. Unsere Schule macht ihm dort, dank jahrgangsübergreifender Klassen, so wenig Druck wie möglich. Aber sie macht ihn eben doch, weil selbst unsere Schule sich offiziell gesetzten Lernzielen nicht entziehen kann. Und in solchen Situationen ärgere ich mich nicht über mein Kind, das nicht „funktioniert“, sondern über das System, das mein Kind zwingt zu funktionieren. Und ich verstehe die Menschen ehrlich gesagt auch nicht, die an diesem System so vehement festhalten, obwohl so viele durch dieses System zum Scheitern verurteilt sind. Und deshalb möchte ich an dieser Stelle auf J.’s weiteren Kritikpunkte eingehen, weil ich glaube, dass sie ganz typisch sind, aber verkennen, worum es beim Freilernen tatsächlich geht bzw. die Kritik an der falschen Stelle setzen:

„1. Voraussetzung für Überleben einer Gesellschaftsform ist, dass der einzelne seine persönlichen Bedürfnisse zurückstellt.
Dem Lustprinzip zu folgen, muss man Kindern nicht beibringen, denn das tun sie von Natur aus bereits mit dem ersten Atemzug.
// Keine Ahnung, warum das immer wieder Thema in Ratgebern ist… Mangel an neuen Themen?“

Natürlich kann eine Gesellschaft nur nach dem Solidarprinzip und nicht mit hedonistischen Individualisten bestehen. Allerdings besteht kein Widerspruch zwischen Freilernen und sozialem Verhalten. Kritiker unterstellen oft, dass es Kindern, die nicht zur Schule gehen, an sozialen Kontakten mangeln würde. Genau betrachtet ist diese Kritik natürlich nicht haltbar, da soziale Kontakte ja nicht nur aus Gleichaltrigen, sondern mit allen Individuen einer Gesellschaft hergestellt werden und über die Schule hinaus bestehen. Im Gegenteil ist gerade nach Einführung von G8 zu beobachten, dass im Schulunterricht die Förderung des kritischen Denkens, des Infragestellens gesellschaftlicher Gegebenheiten viel zu kurz kommt und ein Mitläufertum und hedonistisches, narzistisches Verhalten in den letzten Jahren immer weiter zugenommen hat. Den Freilernern oder Schulverweigerern geht es im übrigen nicht darum, dass sie Kindern beibringen wollen, dem Lustprinzip zu folgen. Wer das glaubt, sitzt einem Trugschluss auf. Es geht nicht darum, dass Kinder lernen sollen zu spielen: Kinder sollen spielerisch lernen dürfen! Kinder können spielerisch lernen. Kinder lernen in all ihrem Tun. Aber die Bereitschaft zu lernen und die Fähigkeit dies spielerisch zu tun wird durch das Regelkorsett unseres Schulsystems zerstört. Und glücklicherweise nehmen immer mehr „Ratgeber“ (zu denen wissenschaftlich belastbare Studien gehören) dieses Thema auf, weil immer mehr Menschen dafür sensibel werden, dass in unserer Gesellschaft an dieser Stelle etwas falsch läuft.

„2. Eine ausgeprägte Allgemeinbildung ist unabdingbar für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Sie ist die Basis für Kommunikation und damit für das Erkennen der Bedürfnisse anderer.
// Fragen wie „Und war Chemie für ihr späteres Leben wichtig?“ sind sehr verlockend, und gerade deswegen gefährlich.“

Ein Gedanke, der im ersten Augenblick uneingeschränkt richtig erscheint. Abgesehen davon, dass Empathie vermutlich der wesentlich wichtigere Faktor zum Erkennen der Bedürfnisse anderer ist: Wie definiert sich eine „ausgeprägte Allgemeinbildung“? Meine 5 in Chemie im Abizeugnis hat weder dazu geführt, dass meine Allgemeinbildung (die ich im Großen und Ganzen für überdurchschnittlich gut halte *räusper*) in Frage gestellt wurde, noch dass sie mir das Erkennen der Bedürfnisse anderer verleidet hätte. Welche Gefahr besteht also darin, in Chemie eine Niete zu sein? Bei mir hat es dazu geführt, dass mein Ex-Freund (Dr. rer. nat. Chemie) mich wegen mangelnder Gemeinsamkeiten verlassen hat. Im Umkehrschluss könnte ich behaupten, überragende Kenntnisse in Chemie führen zu mangelnden empathischen Fähigkeiten und sind deswegen gefährlich. Kurzum, beiden Aussagen mangelt es an empirischer Evidenz.

„3. Unsere sozial geprägte Gesellschaftsform ist das Ergebnis von 100.000 Jahren Evolution. Das Prinzip „Jeder tut was er kann.“ hat sich durchgesetzt und nicht „Jeder macht was er will“.
Dieser Verhaltenskodex läßt sich heutzutage kaum noch über Empathie vermitteln, die schiere Größe unserer Gesellschaft läßt ihn total abstrakt wirken.
// Für einige Autoren alternativer Erziehungsmodelle wohl schon ZU abstrakt….
Übrigens halte ich, diese 3 Punkte in Frage zu stellen für eine Zivilisationskrankheit.
Nicht aus Prinzip, sondern weil es so viele Leute gibt, die damit Geld verdienen.“

Als studierte Archäologin und Volkskundlerin, mit einigen Semestern Soziologie und Philosophie auf den Buckeln, weiß ich ehrlich gesagt grade nicht, ob ich ob dieser Aussage aufstöhnen, lachen oder weinen soll. Also fange ich mal ganz von vorne an: Der Mensch ist per se, qua Existenz, ein soziales Wesen. Schon ein Neugeborenes kooperiert, soweit es seine Möglichkeiten zulassen, mit seinem Umfeld. Soziales Verhalten muss unseren Kindern nicht beigebracht werden. Die Anpassung an unsere kulturellen Gesellschaftsansprüche ist unseren Kindern durch ihre angeborenen sozialen Fähigkeiten von Anfang an gegeben. Darüber hinaus ist unsere Gesellschaftsform nicht statisch, sondern ständigen Veränderungen unterworfen. Unser Schulsystem, die Unterrichtsform, Schulpflicht – all das existiert quasi erst seit einen Wimpernschlag der menschlichen Gesellschaft, viele westliche Länder kommen gänzlich ohne Schulpflicht aus, ohne dass ein gesellschaftlicher Zusammenbruch von dieser Seite droht. Den Untergang des Abendlandes am nicht Beschulen von Kindern festzumachen halte ich für eine gewagte These. Betrachtet man jedoch unsere Historie, so ist erstaunlicherweise ein „jeder macht was er will“ immer dann zu beobachten, wenn in der Gesellschaft auf Grund ihrer schieren Größe ein „jeder tut was er kann“ für das Individuum nicht mehr zielführend erschien und diese am „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“ zerbrach – ein Verhalten, dass unsere Gesellschaft bereits jetzt, ganz ohne das Zutun von Freilernern par excellence beherrscht.

Ich bin also scheinbar sehr zivilisationskrank, gleich alle drei Punkte in Frage zu stellen. Hmm. Geld habe ich damit allerdings leider nicht verdient, sondern es tatsächlich aus Prinzip getan. 😉 Weil ich ehrlich gesagt unsere Gesellschaft in ihrer jetzigen Form ziemlich bescheiden finde. Weil es nicht mehr um ein soziales Miteinander, Nächstenliebe und Menschlichkeit geht, sondern um Wirtschaftlichkeit und Profit. Mir gefällt das nicht und ich wünsche mir die Gesellschaft anders. Und ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen so denken, und deshalb die Hoffnung, dass sich unsere Gesellschaft eines Tages ändern wird – zugunsten der Menschen. Freies Lernen ist da nur ein kleiner Anfang, der es möglich macht, dass immer mehr Kinder zu kritisch denkenden Erwachsenen heranwachsen, die den Status Quo in Frage stellen und weitere Veränderung bewirken können.

Ist Freies Lernen nun der goldene Weg für alle Kinder? Mit Sicherheit nicht. Es erfordert einen gewissen Bildungsstand als Background, viel Zeit von Seiten der Eltern und den Willen, sich mit seinen Kindern stehts konstruktiv auseinander zu setzen. Außerdem eine Grundhaltung seinen Kindern gegenüber, sie als vollwertige Menschen anzuerkennen, die nicht erst „werden müssen“ und ihnen mit Respekt und dem Vertrauen in ihr Können zu begegnen. Und zum Glück gibt es so viele, tolle Lehrer da draußen, die noch voller Motivation mit eben dieser Grundhaltung ihren Schülern begegnen und immer mehr Schulen, die einen anderen Weg einschlagen. Mein Wunsch auf dem Weg in eine gerechte Gesellschaft wäre deshalb für meine, wie für alle Kinder, ein Bildungsrecht anstelle einer Schulpflicht.

Die Geschichte vom Adventskalender. Mit Moral von selbiger.

Draußen regnet es. Passendes Vorweihnachtswetter also. Das Lüff fragt mich gefühlt hundertmal am Tag, wann es endlich schneit. Groß war die Trauer, als kürzlich morgens ein paar einsame Flocken wie ein frostiger Nebelschleier auf den Büschen lagen, die beim Nachhauseweg aus der Kita leider schon davon geschmolzen waren. Seitdem also die dringende Frage: Wann kommt der Schnee? Noch dringender die Frage, wann der Weihnachtsmann kommt! Die wird noch dreimal so oft gestellt und enttäuscht stellt mein großes Mädchen jedesmal fest, dass ihre kleinen Fingerchen die Zahl der Nächte bis zum großen Fest noch nicht erfassen können. „Nur noch ein Mal, Mami!?!“, schaut sie mich dann mit ihren großen, braunen Augen flehentlich an. „Nein, Schatz. Noch viel, viel mehr Mal“, antworte ich dann und verweise auf den Adventskalender, der ihr hilft die Tage zu zählen. Nun, eigentlich zwei Adventskalender. Jeweils. Für die beiden Großen. Der Krieger hatte es sich in den Kopf gesetzt, sich von seinem Taschengeld einen spielzeuggefüllten Adventskalender selbst zu kaufen. Als ich anbot, dass ich das für ihn übernehmen könnte, meinte er: „Nein, Mama. Ich möchte das selbst schaffen!“ So viel Selbstständigkeitsstreben hätte ich an seiner Stelle in diesem Fall nicht an den Tag gelegt. Aber bitte.

Das Lüff hingegen wollte nun lieber ein schokoladengefülltes Exemplar. Da ich aber an die geschwisterlichen Neiddebatten dachte, die unweigerlich folgen würden, wenn nun die beiden so unterschiedliche Kalenderfüllungen entdecken würden, habe ich es nicht übers Herz bringen können, dem Krieger die Schokolade und der Lüff das Spielzeug vorzuenthalten. Nicht ganz uneigennützig habe ich also lieber ein paar Euro mehr investiert, als frühmorgens irgendwelche Diskussionen über mich ergehen lassen zu müssen. Nun könnte der geneigte Leser einwenden, ich hätte ja auch einfach selbst gebastelte Kalender aufhängen können. Touchée! Aber ach und ächz! Ich hatte in diesem Jahr kein größeres Verlangen danach, für gleich drei Kinder irgendwelche Kinkerlitzchen zu besorgen – immerhin 72 an der Zahl – und einzutüten. Wirklich günstiger kommt man damit nämlich auch nicht weg. Fürs kommende Jahr habe ich dem Kriegersohn allerdings schon angekündigt, dass es dann nur noch einen Kalender pro Nase gibt. Wahlweise spielzeug- oder schoko- und selbstbefüllt oder gekauft. Fürs Effchen gibt es in diesem Jahr nur die schokolierte Kaufvariante. Reicht auch für das kleinste Wesen unserer Familie und sorgt jeden Morgen für wonniglich produzierte braune Sabberfäden entlang der Unterlippe. *schmatz*

Besagte Schokokalender führten denn auch am vergangenen Adventswochenende zu einem scharzpädagogischen Vorfall par excellence. Wir hatten Besuch von meiner allerliebsten Mama, die extra über 100 km angereist war, um am Freitag Abend die Kinder zu hüten, so dass der Rockergatte und ich zum Kita-Wichtelabend ausrücken konnten. Am folgenden Morgen schlich sich das Lüff vom Frühstückstisch zum Adventskalender, gefolgt von Großmutters Ausruf: „Finger weg! Wenn du den Adventskalender plünderst, kann der Weihnachtsmann nicht kommen!“ Ensetzt aufgerissene Augen beim Lüff und ein fluchtartiger Rückzug in den Flur, garniert mit leisen Schluchzern sorgten für betretenes Schweigen am Frühstückstisch, gefolgt von der simplen Feststellung meiner Mutter: „Oh, oh! Das war schwarze Pädagogik.“ Ich hastete natürlich sofort hinterher, um mein erschrockenes Kind in die Arme zu nehmen und zu besänftigen und erklärte, dass es dem Weihnachtsmann herzlich egal sei, ob sie die Schokolade aus ihrem Adventskalender nach und nach oder auf einmal essen würde und er in jedem Fall käme. Das schlimmste, was ihr passieren könnte, sagte ich, wäre dass ihr furchtbar übel werden könnte, wenn sie alle Schokolade auf einmal essen würde. Zu allem Überfluss antwortete mir mein weinkrampf-geschütteltes Kind daraufhin, dass es ja die Schokolade gar nicht essen wollte, sondern lediglich vergessen hatte, wie der Nikolaus und der Weihnachtsmann aussehen, und sich mit Hilfe des bunten Bildes des Kalenders nur vergewissern wollte, dass er wirklich einen roten Mantel trägt und einen langen weißen Bart hat. Ich habe das Lüff, untröstlich wie sie war, noch eine ganze Weile getröstet und auch die Oma hat versucht um Entschuldigung zu bitten, wurde aber mit Missachtung gestraft. Für mein dreijähriges Mädchen war die Androhung, der Weihnachtsmann würde zur Strafe nicht kommen unerträglich und sie merkte sehr genau, wie gemein es von der Oma war, so eine Drohung auszusprechen.

Meiner Mutter ist zum Glück sofort klar gewesen, wie dämlich ihre Äußerung war, aber wie es halt so ist – Worte können schneiden wie Messer und einmal ausgesprochen lassen sie sich nicht zurück nehmen. Eigentlich wusste sie ja aus eigener Erfahrung, wie solche unnötigen Drohungen auf eine Kinderseele wirken. Trotzdem hat sie diesen Satz rausgehauen, weil sie es selbst so erlebt und -lernt hatte und man nunmal dazu neigt, die eigenen Erfahrungen ohne darüber nachzudenken weiterzugeben: Ich will, dass mein Kind eine bestimmte Sache tut oder lässt und drohe mit abstrusen Konsequenzen um das Kind mit der Angst vor einer Strafe zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Adultismus at it’s best. Umso schöner fand ich, dass sie in dieser Situation in der Lage war, sich ihrer Enkelin zuzuwenden und um Entschuldigung zu bitten und sie realisierte, dass es nicht ok war, das Kind zu belügen und den lieben Weihnachtsmann als strafenden Onkel darzustelllen.

Die schuldbewusste Oma allerdings hatte bis zu ihrer Abfahrt am folgenden Sonntagmorgen latent verschissen. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass ihr solch unbedachte Äußerungen nicht mehr so schnell entschlüpfen werden.