Raindrops keep falling from my head…

In den letzten Wochen war es ja doch recht still hier am Blog. Ich habe zwar einige Texte angefangen, schaffe es aber im alltäglichen Wahnsinn kaum, für die ernsteren Themen seriöse Hintergründe zu recherchieren, und so liegen viele schöne Beiträge im Datennirvana in der Warteschleife, weil sich hier eine Semikatastrophe nach der anderen die Klinke in die Hand gibt. Und sobald ich mir Zeit erhoffe, mich wieder einmal in Ruhe an den Rechner zu setzen, passieren so Dinge, wie der Regen am letzten Freitag.

Wobei gegen Regen ja grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Jedenfalls nach so heißen und trockenen Tagen, wie wir sie in den letzten Wochen hatten. Dumm allerdings, dass das Einsetzen des Regens am Freitag mit dem Ende der Schule zusammenfiel und ich ausgerechnet an diesem Tag mit meinem Sohn vereinbart hatte, dass er nach der Schule allein nach Hause fahren sollte – zum zweiten Mal und unter großem Argwohn seines Vaters. Während ich nun also kurz vor Eins, bei leichtem Nieselregen mit dem Effchen den nahegelegenen Supermarkt betrat, hatte ich um kurz nach Eins, beim Verlassen des Geschäftes, einen Ausblick auf blasenwerfende Pfützen und das Vergnügen, unter dem Vordach dem Streitgespräch zweier älterer Damen lauschen zu können, ob diese Blasen auf den Pfützen nun bedeuteten, dass der Regen zu- oder abnehmen würde. Ich dachte mir „sch…egal ob mehr oder weniger, nass wirste eh“ und trat den Heimweg an – natürlich ohne Regenschirm. Aber wenigstens die Plastikhaube für den Buggy hatte ich mitgenommen. Immerhin. Ich klopfte mir innerlich auf die Schulter und feierte die Absenz meiner Rabenmutterschaft, als mir siedend heiß einfiel, dass die Regenklamotte des Sohnes sich dummerweise nicht in seinem Schulrucksack befand. Und wieder einmal musste ich mich damit abfinden, dass meine Fürsorglichkeit doch kein so leuchtendes Bespiel abgeben würde. Ein leichtes Grummeln in der Ferne ließ mich hoffen, dass der Sohn seinen Heimweg zügig antreten und vor Eintreffen des Gewitters selbiges zu Hause täte. Also eintreffen. Wobei er zur Zeit auch oft ziemliche Gewitterlaune hat. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Zu Hause angekommen jedenfalls legte ich das Effchen und mich erstmal trocken und warf einen besorgten Blick aus dem Fenster, der in der Zwischenzeit wahre Sturzbäche vom Himmel offenbarte. Als dann die ersten Blitze irgendwo in der Nachbarschaft niedergingen, wich das Mitleid für meinen Großen langsam einer leichten Sorge. Diese Sorge nun hatte im Zentrum der Stadt schon recht ausgeprägte Züge angenommen, und der Gatte rief mich aus dem Büro an, ob denn unser Sohn schon zu Hause angekommen wäre – gefolgt von einer ausgewachsenen Gardinenpredigt, als ich verneinte. Während der Rockstar die düstersten Bilder eines vor Angst schlotternden und zitternd in irgendeiner Ecke kauernden Kindes herauf beschwor, hielt ich dagegen, dass unser Sohnemann sich natürlich schlau irgendwo untergestellt haben und einfach das Ende dieses Schlechtwetterintermezzos abwarten würde. Der Mann der eigentlich bis zum frühen Nachmittag im Büro bleiben wollte, entschied sich angesichts meiner Kaltherzigkeit kurzerhand auf die Arbeitszeit zu… *ähem* ich formuliere anders: die Wochenarbeitszeit zu verletzen und im Rahmen der Gleitzeit die fehlenden Stunden in der Folgewoche nachzuarbeiten. Natürlich nicht, ohne nochmals in sehr strengem Ton auf meine vermeintliche Rabenmutterschaft hinzuweisen, was mich wiederum veranlasste, das Effchen bei der befreundeten Nachbarin und ihrer Tochter abzusetzen (wie gut, dass Letztgenannte derzeit bei unserer Jüngsten unschlagbar hoch im Kurs steht) und mich zu Fuß auf die Suche nach unserem Sohn zu machen, der inzwischen schon 30 Minuten überfällig war.

Kurze Checkliste in meinem Kopf: Gummistiefel? Im Schrebergarten. Regenjacke? Im Schrebergarten. Regenschirm? *peng* schlug irgendwo in der Nachbarschaft ein Blitz ein. Meine Aufmachung also: Anorak und FlipFlops – das einzige Schuhwerk, das bei diesem Mistwetter keinen Schaden nehmen würde… Ich entschied mich, den Weg zu laufen, den der Sohn auf dem Rad als autonomen Heimweg eingeübt hatte. Der Rockstar wollte mit dem Auto die Alternativstrecke abfahren, die Tante war instruiert, von der anderen Seite die Schule anzufahren, falls der Sohn sich schlauerweise sofort untergestellt hatte. Ich will ja nichts sagen, aber ich hatte ein bißchen das Gefühl, die Arschkarte gezogen zu haben. Vergoldet. Mit Glitzer. Und Spitzenrand. Aber wenn ich meinem Mann Glauben schenken durfte, war es die gerechte Strafe dafür, dass ich unseren Sohn so schändlich im Stich gelassen hatte. Oder so. Was er im Nachhinein natürlich vehement bestreitet. Während ich also tapfer durch den Regen stapfte, war der Anorak natürlich schon nach wenigen Minuten derart durchnässt, als hätte jemand eine ganze Wanne Wasser über meinem Kopf entleert. Das Wasser lief durch die Kapuze über meine Stirn in meine Augen, nicht ohne auf dem Weg dorthin eine gehörige Portion Make up mitzunehmen, die neben einem sachten Brennen auch einen Nebelschleier auf meinen Augäpfeln hinteließ, der mich noch den Rest des Tages erfreuen sollte. Hose nass, Shirt nass, selbst die Handtasche war durchnässt bis auf ihre nicht vorhandenen Knochen und jeglicher Versuch, Kontakt zu meinen Mitstreitern aufzunehmen, scheiterte kläglich an der Tatsache, dass einfach keine Stelle mehr zu finden war, an der ich meine Finger und den Touchscreen hätte abwischen können, um mein Telefon in Gang zu bringen (früher konnte man mit Nokia Handys sogar noch telefonieren, nachdem sie einem beim Kotzen ins Klo gefallen waren – behauptete jedenfalls mein ehemaliger WG-Mitbewohner nach einer Sauftour).

Die Hoffnung meinen Sohn in der Unterführung zu finden, bewahrheitete sich leider nicht. Also watete ich durchs wadentiefe Wasser, um drei Straßen weiter von einer entgegen kommenden Mutter von Sohnemanns Mitschülerin zu erfahren, dass dieser von einer Nachbarin aufgelesen und nach Hause begleitet wurde. Ziemlich zeitgleich erreichte mich der Anruf meines Mannes, den ich – oh Wunder! – annehmen konnte. Dass er den Sohn getroffen habe, dieser auf dem Weg nach Hause wäre und mein Mann mich deshalb nun einsammeln würde. Er wäre jetzt hier und dort, wo ich denn wäre. Kurz hinter der Kurve, sagte ich ihm, und dass ich ihm entgegen kommen würde, weil dort für das Stadtteilauto kein Durchkommen wäre. Es sei denn, er wolle einen kapitalen Motorschaden riskieren, wenn er die knietiefe Pfütze durchfahre. Ein letztes Mal stellte ich mich also den Fluten. Brauner Schmodder umspülte meine Beine, und insgeheim war ich ein bißchen froh, dass ich keine Gummistiefel an hatte, weil das Gefühl von über den Stiefelschaft laufendem Wasser irgendwie noch ekliger ist, als direkt durchnässt zu werden.

Um die Sache abzukürzen: Der Regen hörte quasi in dem Moment auf, in dem ich in den Wagen stieg. Der Sohn, zu Hause, wunderte sich, warum seine Mutter so nass sei. Ob er sich gefürchtet habe, fragte ich ihn. „Wovor?“ wollte er wissen. „Na, vor dem Gewitter!“ antworte ich. „Ach Mama“, schaute er mich mitleidig an, „es war doch nur ein bißchen Regen!“