Ein Film erhitzt die Gemüter – ein offener Brief an mein Kino

Liebes Kino,

seit ein paar Wochen zeigst du einen Film, der von einer Menge Menschen in unserem Land vermutlich völlig unbeachtet läuft. Bei einer kleinen Gruppe von Menschen aber erhitzt dieser Film die Gemüter. Du wirst es schon ahnen: Ich spreche vom Film „Elternschule“. Lange – sehr lange, der Film läuft ja nun schon fast einen Monat – habe ich überlegt, ob ich überhaupt meinen Senf dazu abgeben muss oder sollte. Es gibt inzwischen so viele kritische Kommentare und Artikel zu diesem Film. Nicht nur von entsetzten Eltern, nein, sogar Fachleute haben sich geäußert. Allein – was nützt es, wenn du, mein liebes Kino, dich mit diesen Kritiken gar nicht sachlich auseinander setzen willst?!

Ein bißchen kann ich es ja verstehen, der psychologische Effekt ist offensichtlich: Du bist angesichts der öffentlichen Anfeindungen in eine Verteidigungshaltung gegangen. Schließlich gehörst du doch zu den Guten. Dein Programm ist sehr ausgewählt. Viele humanistische Themen: LGBT, Flüchtlinge, Menschenrechte. Und dafür liebt dich dein Publikum zu Recht. Manch eine Stimme wurde gar laut, man dürfe dich nicht für das Zeigen dieses Films kritisieren, wüsste man doch, wie sehr du dich mit deinem Programm für die Menschenrechte einsetzt. Was mich so traurig stimmt, mein liebes Kino: Dass du nicht erkennst, was für eine Verantwortung du dadurch trägst. Und warum es gerade aus diesem Grund so gefährlich ist, dass du diesen Film kommentarlos zeigst.

Oh, du möchtest sagen, dass doch der Leiter der Klinik zur Premiere anwesend war. Ein eloquenter Mensch, sympathisch, zugewand, in der Lage den Zuschauern all ihre Sorgen über das Gezeigte zu nehmen. Aber, mein liebes Kino, erkennst du die Problematik in dieser Sache? Natürlich sind die Personen, die diesen Film gemacht haben, überzeugt von ihrem Film. Natürlich sind sie in der Lage, die heftigen Szenen zu relativieren – es geschieht ja alles zum Besten der Kinder. Oder!? Aber, mein liebes Kino, wo sind die Stimmen der Kritiker? Gehört zu einer ausgewogenen Diskussion nicht auch, dass man beide Seiten zu Wort kommen lässt, damit der Zuschauer sich wirklich ein eigenes Bild machen kann? Denn das schreibst du ja, und gibst dich ganz kämpferisch, dass du „an mündige Eltern und Nicht-Eltern glaub[st]“ und „den Film trotzdem“ zeigst, „da [dir] sehr an Diskussionen gelegen ist“. Nicht ohne jedoch quasi zeitgleich an anderer Stelle zu sagen „[w]eitere Nachrichten an uns in Bezug auf den Film sind also wirklich zwecklos.[…] Wir werden Kommentare auch nicht mehr versuchen geradezurücken“ um mit diesem fast einzigen Diskussionsbeitrag deinerseits, mein liebes Kino, deine Diskussionsfreudigkeit im selben Moment ad absurdum zu führen. Du gibst dir dennoch ganz selbstbewusst den Anstrich, du hättest ja auch die Kritiker zu Wort kommen lassen, indem du die Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes verlinkst. Nicht ohne allerdings auch mit der Stellungnahme eines befreundeten Programmkinos und dem darin verlinkten Kommentar zu kontern, wie verdammt schwer du es hättest, weil du diesen Film zeigst. Bloß, auch wenn dein Freund ihn einen „abgewogenen Kommentar“ (sic!) nennt, macht es den Text dieser großen Tageszeitung nicht richtiger, sondern zeigt vielmehr, wie wenig du bereit bist, dich wirklich mit deinen Kritikern auseinander zu setzen, indem du sie in ein schlechtes Licht und dich in das Licht des unverstandenen Märtyrers zu rücken versuchst.Mit Verlaub gesagt, mein liebes Kino, diese Rolle steht dir denkbar schlecht. An dieser Stelle sage ich es dir gerne noch einmal: Die Kritiker sind keine hysterischen Mütter, die ihre eigenen Kinder vielleicht besser mal so in die Grenzen weisen sollten, wie es der Film zeigt. Es sind keine indoktrinären Evangelikalen, vielmehr sind es Fachleute aus den verschiedensten Disziplinen, die mit ihrem Wissen auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand sind und viele, viele Eltern, die der Überzeugung sind, das die Einhaltung der Menschenrechte nicht vor unseren Kindern halt machen darf. Und diese Kritiker richten sich nicht gegen dich, mein liebes Kino. Sie richten sich gegen das, wie in dieser Klinik scheinbar mit Kindern umgegangen wird und die unkommentierte Darstellung dessen in diesem Film.

Gerne betont ihr, du und deine Freunde, wie unverständlich euch die Kritik wäre, würde der Film doch in den Vorstellungen so wunderbar angenommen, ja sogar Applaus gäbe es vom begeisterten Publikum und überhaupt, alle Vorstellungen wären ausverkauft. Mein liebes Kino, das mag schon sein, aber ist das tatsächlich ein Gradmesser für die moralische Richtigkeit diesen Film ohne weitere Informationen ans Publikum weiter zu geben? Wenn du den Jubel des Publikums als Argument für das unkommentierte Zeigen dieses Filmes nimmst, dann, entschuldige die harschen Worte, liebes Kino, macht das deutlich, dass es dir und diesen jubelnden Besuchern des Filmes einfach nur am entwicklungspsychologischen Fachwissen mangelt. Und darüber hinaus – und das macht mich persönlich viel betroffener- stellen Menschen, die angesichts kotzender Kinder jubeln und den Ruf nach liebevoller Konsequenz (in Form von Fixierung, Mitschleifen oder Separation) bejahen, vor allem eines zur Schau: einen eklatanten Mangel  an Empathie, aber mit Sicherheit nicht die Mündigkeit und die Fähigkeit die Gefahren dieses Filmes zu durchschauen.

Sehr gerne wird ja auf von den Befürwortern auf die FAQ-Seite der Filmemacher verwiesen. Mein liebes Kino, wenn du denn nun wirklich bereit bist zu diskutieren, gebe ich dir gerne ein FAQ der Kritiker (Statement – S / Antwort – A):

  1. S: Der Film hat aber doch keinen Anspruch eine Anleitung für den Alltag zu zeigen.
    A: Der Film heißt „Elternschule“. Allein der Titel erweckt den Anschein der Allgemeingültigkeit. Du, liebes Kino schreibst dazu: „ELTERNSCHULE betrachtet ein zentrales Konfliktfeld unserer Gesellschaft: Erziehung. Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um – und mit uns selbst?“ „Ein Muss für jeden der Kinder hat“, schreibt eine große Tageszeitung. Liebes Kino, sei ehrlich: Was suggeriert das dem unkritischen Betrachter? Der Film, in der Form in der er gemacht ist, suggeriert Allgemeingültigkeit. Du suggerierst mit deinen Worten zum Film Allgemeingültigkeit. Die Konservativen großen Medien suggerieren Allgemeingültigkeit. Und hier liegt auch die große Gefahr, liebes Kino, wenn du sagst, du hälst deine Zuschauer für mündig selbst zu entscheiden, sich den Film anzuschauen. Denn was denkst du, liebes Kino, wieviele Menschen haben den richtigen Blick auf diesen Film, wenn 50% unserer Bevölkerung einen Klaps in der Kindererziehung für angebracht halten? Wieviele Menschen haben einen richtigen Blick auf den Film, in einer Gesellschaft, in der noch immer die Überzeugung vorherrscht, Strafen wären ein adäquates Erziehungsmittel? Wieviele Menschen haben einen richtigen Blick auf den Film, wenn in unserer Gesellschaft offensichtlich noch immer das Bild vorherrscht, Kinder wären kleine, teuflische Tyrannen, die nur darauf warten, ihren Eltern auf der Nase herum zu tanzen? Was für ein schreckliches Bild von Kindern wird da eigentlich (auch in diesem Film) transportiert? Und selbst, wenn die Macher des Filmes, der Filmverleih und du, liebes Kino, selbst wenn ihr alle jetzt zurückrudert und behauptet, eine Allgemeingültigkeit, die hättet ihr nie voraussetzen wollen – schaut euch doch nur die Kommentare der Zuschauer an „Hätte ich gewusst, dass man das darf, hätte ich das damals mit meinen Kindern auch so gemacht.“, und sagt mir, sehen die Zuschauer, seht ihr, wirklich keine Allgemeingültigkeit? Aber, das frage ich mich und dich, liebes Kino: Was seht ihr denn dann? Und was, wenn deine Zuschauer, liebes Kino, diesen Film doch als Anleitung verstehen? Denn NEIN. Man darf das, was dort geschieht  nicht. Eltern dürfen es nicht. Öffentliche Einrichtungen wie Kitas und Schulen dürfen es nicht. Tagesmütter, Erzieher, Lehrer – sie alle DÜRFEN ES NICHT. Und ob die Klinik es darf, das wird in Zukunft ein Gericht entscheiden.
  2. S: Der Film zeigt nicht die ganze Therapie, nur Ausschnitte.
    A: Nachdem die Macher erkannten, dass die anfangs suggerierte Allgemeingültigkeit in manchen Kreisen nicht gut ankam, wurde schnell zurückgerudert. Nein, nein, es handele sich ja um die Dokumentation der therapeutischen Arbeit in dieser Klinik. Als Kritik aus Fachkreisen lauter wurde, dass die dort gezeigten Maßnahmen, zumindest mit fehlendem Kontext, sehr fragwürdig seien, wurde wieder herumgerudert. Der Film zeigt also keine allgemeingültigen Erziehungstipps, er dokumentiert aber auch die Therapie nur ungenügend – ja, liebes Kino, was zeigt er denn dann, möchte ich von dir wissen. Befriedigt er am Ende nur die voyeuristischen Bedürfnisse erwachsener Menschen, die – hilflos im Umgang mit ihren oder fremden Kindern – sich nur darin bestätigt sehen wollen, dass es schon ok ist, Kindern mit „der nötigen Härte“ zu begegnen?
  3. S: Die Klinik arbeitet aber doch nach Leitlinien. Krankenkassen bezahlen schließlich die Behandlung.
    A:  Längst nicht alle Kassen zahlen diese Behandlung. In Fachkreisen, die sich mit den neuesten entwicklungspsychologischen Kenntnissen beschäftigen, ist man sich inzwischen weitestgehend einig, dass die vorgeschobenen Leitlinien dringend einer Überarbeitung bedürfen, weil sie vollkommen veraltet sind. Ob die Klinik tatsächlich nach Leitlinien behandelt, ist laut Fachleuten durch die gezeigten Szenen nicht ersichtlich, aber durchaus fragwürdig. Ebenso wie die dort angewandte Methode wenig Befürworter in Kollegenkreisen findet, diese wenigen Befürworter jedoch in enger Verbindung zu den handelnden Protagonisten stehen. Liebes Kino, findest du nicht auch, dass das einen mehr als faden Beigeschmack hat? Und möchtest du liebes Kino, das du dich so gerne mit humanistischen Idealen schmückst, wirklich eine Plattform sein, für eine Behandlungsmethode, die auf die Ideen der germanischen Medizin zurück geht?
  4. S: Es gibt doch viele dankbare Eltern. Gibt der Erfolg der Klinik nicht Recht?! Schließlich geschieht alles in der Klinik freiwillig.
    A: Die im Film gezeigten Familien sind offensichtlich alle schwer bindungsgestört. Man muss kein Fachmann sein, um dies zu erkennen.  Und niemand, wirklich niemand macht einer der Familien einen Vorwurf für ihre Hilflosigkeit. Natürlich sind diese Familien in einer Situation, in der sie mehr als dringend Hilfe benötigen. Aber sind sie als Laien in einer derartigen Ausnahmesituation wirklich immer in der Lage zu erkennen, welche Hilfe die richtige ist? Und heiligt der Zweck tatsächlich die Mittel? Die Klinik rühmt sich damit, dass ihre kleinen Patienten sich auch in den Folgejahren als Jugendliche und junge Erwachsene immer wieder vertrauensvoll dort in Therapie begeben. Liebes Kino, vermutlich reicht dein Interesse gar nicht so weit. Aber hast du schon einmal in Erwägung gezogen, dass diese Folgebehandlungen vielleicht gar nicht nötig wären, wenn die frühkindlichen Therapien sachgerecht wären? Kritiker zumindest erwähnen dies hier und dort. Und einmal ganz abgesehen davon, dass es offenbar auch Patienten gibt, die sich von der vermeintlichen Autorität eines weißen Kittels so wenig blenden lassen, dass sie die Behandlung abbrechen – auf Seiten der Eltern mag die Therapie freiwillig erfolgen. Wie aber sieht es denn mit der Freiwilligkeit auf Seiten der Kinder aus? Hast du nicht auch das Gefühl, dass diese Kinder zu ihrem Glück gezwungen werden, liebes Kino? Und ist das dann okay? Weil sie unmündig sind? Weil sie es nicht besser wissen? Oder einfach nur, weil sie sich nicht anders wehren können als mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die von uns Erwachsenen als aufmüpfig, frech oder tyrannisch angesehen werden?

Muss der Film deshalb jetzt verboten werden, wie manche Kritiker es fordern? Oder sollte man ihn mit dieser „Jetzt-erst-recht“-Haltung, wie du sie an den Tag legst, liebes Kino, weiterhin zeigen? Ich denke: Weder – noch. Tatsächlich böte der Film eine große Chance in den Diskurs zu gehen. Es bestünde die große Möglichkeit, einem Publikum, dass sich sonst nicht mit diesem Thema auseinander setzt, darzulegen, was Schlaftraining im kindlichen Gehirn bewirkt. Man könnte auf das Folgerisiko von schweren Essstörungen im Zusammenhang mit Esstraining hinweisen. Man könnte Empathie wecken für die Nöte, die in Kindern entstehen, weil ihre altersgemäße Hirnentwicklung ein Verhalten auslöst, mit dem wir Erwachsenen uns schwer tun. Konjunktiv. Leider lässt du all das nicht zu, liebes Kino. Weil du dich nicht wie der weltoffene Freund benimmst, als der du dich so gerne gibst, sondern als intoleranter Konservativer outest. Solche Freunde mag ich nicht haben, liebes Kino.

Schade. Ich werde die Abende mit dir vermissen.