Hoch die Tassen!

Ist wirklich schon wieder Weiberfastnacht? Ich bin ja nicht so unbedingt der Karnevalsfan. Gar nicht mal, was das Verkleiden angeht. Aber diese Massenbesäufnisse, die gruseln mich schon ein bißchen. Karneval, Oktoberfest, Bullenball… Nee, nicht meins! Wobei ich auch ganz gerne feiern gehe. Aber als stillende Mama fragt man sich dann ja erstmal: Darf ich das jetzt überhaupt?

Beim Krieger stand das Thema Alkohol und Stillen gar nicht zur Debatte. Da ich ihn ja sowieso nur sehr kurz gestillt habe und in der Zeit auch nicht auf irgendwelche Parties wollte, habe ich mir da überhaupt keine Gedanken drum gemacht. Als beim Lüff dann aber ein Ende der Stillbeziehung nicht absehbar war, und ein Abstillen, selbst wenn ich gewollt hätte, gar nicht ohne weiteres möglich gewesen wäre, wollte ich trotzdem auch mal wieder ausgehen. Man ist ja auch noch Mensch, neben dem Mutterdasein. Ich gehöre jedenfalls nicht zu den Frauen, die im Betüdeln ihres Nachwuchses die totale Erfüllung finden. So ein bißchen was an sozialen Kontakten fernab der Familie darf es schon sein. Selbst wenn ich nicht mehr die Partyhummel von früher bin (gehöre ja auch schon nicht mehr zum jüngsten Semester, auch wenn mir diese Tatsache manchmal hart abgeht), so hin und wieder schwing ich doch ganz gerne mal das Tanzbein und lehne nicht jeden Grund zum Feiern gleich kategorisch ab. Und wenn ich auch durchaus ohne Alkohol in der Lage bin, meinen Spaß zu haben, finde ich eigentlich nicht, dass man sich selbst als Mutter zur absoluten Askese verdonnern muss.

Bei mir stellte sich die Frage, ob ich „das“ jetzt darf, vor ziemlich genau drei Jahren. Das Lüff hatte grade ihre ersten Geburtstag gefeiert, da stand schon die nächste Party an. Meine Freundin feierte ihren Geburtstag. Und weil Karneval war, und sie aus rheinischen Gefilden stammt – wie kann es anders sein – natürlich verkleidet. Und natürlich würde auch getrunken werden. Und ich fragte mich: Als was verkleide ich mich bloß? Uuuund habe ich Lust, als einzige nüchtern zu sein? Nein. Ich hatte Lust, auch was zu trinken! Aber deswegen Abstillen? Die damit zusammenhängende Problematik habe ich ja schon erwähnt.

Aber jetzt mal echt: Stillen und Alkohol – geht das überhaupt? Meine Freundin – selbst stillende Mama – meinte: „Klar! Wenn man nicht zu viel trinkt und gewisse Zeitabstände beachtet, dann sitzt auch mal ein Gläschen drin!“ Ich wäre nicht ich, wenn ich es jetzt nicht ganz genau hätte wissen wollen. Also fing ich an zu recherchieren. Und fand heraus, dass es tatsächlich geht. In einer Studie des Bundesinstitut für Risikobewertung steht sogar:

„Als Ergebnisse sind folgende Befunde festzuhalten: Nach Trinken eines Viertelliters Wein (12,5 Vol.-% Alkohol) über 30 Minuten ergibt sich etwa 40 Minuten nach Beginn des Trinkens eine maximale Blutalkoholkonzentration der stillenden Mutter von 0,63 g/l (entspricht 0,59 Promille). Wenn das Stillen unmittelbar im Anschluss an die Alkoholaufnahme erfolgt, beträgt die maximale Alkoholkonzentration im Neugeborenen 0,003 g/kg KG (entspricht 0,0028 Promille) nach der ersten und 0,0035 g/kg KG (entspricht 0,0033 Promille) nach der zweiten Stillmahlzeit (Stillvorgänge alle zwei Stunden). Bei dem drei Monate alten Säugling (Stillen alle drei Stunden: höheres Stillvolumen) lag die maximale Alkoholkonzentration nach der zweiten Stillmahlzeit bei 0,004 g/kg KG (entspricht 0,0038 Promille). Das Trinken von 0,1 l Sekt über 30 Minuten, von 0,5 l alkoholfreiem Bier (≤ 0,5 Vol.-% Alkohol), Saft (≤ 0,08 Vol.-% Alkohol) oder NullkommaNull-Bier (0,01 Vol.-% Alkohol) ergeben wegen der deutlich geringeren Alkoholmengen im Vergleich zu 0,25 l Wein niedrigere Spitzenkonzentrationen im Blut der Mutter.
[…]
Die Gabe eines pflanzlichen Arzneimittels in der vom Hersteller angegebenen Dosierung führt zu einer maximalen Alkoholkonzentration von 0,015 g/kg (0,014 Promille) beim Neugeborenen (3 x 5 Tropfen) und von 0,015 g/kg (0,014 Promille) beim drei Monate alten Säugling (3 x 10 Tropfen) und erreicht damit deutlich höhere Blut- und Gehirnkonzentrationen als bei Aufnahme von Alkohol über Muttermilch.“

Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn ich bereit bin, meinem Stillkind ein Medikament zu geben, das Alkohol enthält, ihm nach Beikoststart Banane, Milchschnitte (ja, meine Kinder dürfen, mögen sie aber nicht) oder Apfelsaft gebe, dann muss ich nicht zwingend auf Alkohol in der Stillzeit verzichten. Und theoretisch wären sogar ein-zwei Gläser mehr drin, wenn man mal die Blutalkoholwerte beim Kind zwischen beschwipster Mutter und Arzneimittel vergleicht. Um letzteren Wert zu erreichen, müsste ich mir schon ganz schön einen Ansäuseln. Wenn ich dann an den nächsten Morgen denke… Näh! Da halte ich mich nicht nur wegen des Stillens zurück, sondern es reicht der Gedanke, verkatert zwischen den Kinden sitzen zu müssen, die bestimmt keine Rücksicht auf Mamas Helm nehmen.

Und bevor irgendwelche Moralapostel jetzt meinen, das wäre meine Ausrede, mich ständig hemmungslos zu besaufen: Nein. Während der Schwangerschaft und mit voll gestilltem Kind (Achtung, Wortwitz: Voll gestilltes Kind *harr harr*) war Alkoholkonsum immer tabu. Aber ich habe für mich entschieden, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich mir hin und wieder mal einen Tropfen gönne.  Und Abstillen muss deshalb schon lange nicht sein. In diesem Sinne, ob Sekt oder Selters:

Hoch die Tassen!

Miau! Ich habe mich übrigens als Katze verkleidet. Kratzbürstig wie ich bin.

Stillen die Zweite! Von Milchvampiren und Brustkrämpfen.

Auch beim zweiten Kind war klar, dass ich wieder stillen würde. Nach den Anfangsschwierigkeiten mit unserem Großen besorgte ich vorsorglich schonmal ein paar Fläschchen. Was sich als ziemlich kompliziert heraus stellte, da es zum damaligen Zeitpunkt in ganz Münster keine Glasfläschchen gab und ich wegen der Schadstoffbelastung nicht auf Plastik zurückgreifen wollte. Schließlich habe ich welche bestellt, was sich aber als absolut unnötige Geldausgabe herausstellen sollte.

Auch beim zweiten Anlauf hatten wir die gleichen Schwierigkeiten, wie beim ersten Mal. Wieder dauerte es geschlagene fünf Tage, bis meine Milch einschoss. In den ersten zwei – drei Tagen hatte ich noch Hoffnung, dass es schneller gehen würde und sperrte mich gegen ein Zufüttern, aber schließlich musste ich mich geschlagen geben und meiner hungrigen Maus am dritten Tag einen kräftigen Schluck aus der Flasche gewähren. Die war unterdessen nicht zimperlich. Das kleine Wesen saugte mit einer derartigen Hartnäckigkeit und Kraft an meiner Brust, dass die Spitzen meiner Brustwarzen von dunkelvioletten, fast schwarzen Blutergüssen gekrönt waren. Auch das ein Grund, weshalb ich ihr hungriges Wüten lieber mit einer Flasche besänftigte und meiner geschundenen Brust eine Auszeit gönnte. Doch nach den paar Tagen schoss endlich die Milch ein und alles lief super. Zumindest aus Lüffs Sicht. Für mich ergaben sich da ein paar klitzekleine Unannehmlichkeiten, die mich über die Inanspruchnahme einer Stillberatung nachdenken ließen. Denn das Lüff hatte die Kraft, mit der sie stillte, für lange Zeit nicht abgelegt. Das hatte zur Folge, dass zwar meine Brustwarzen nicht mehr violett wurden, weil die Milch ja floss, ich aber immer wieder von Vasospasmen und Schmerzen beim Milchspendereflex gequält wurde. Außerdem hat das Lüff ein sehr kurzes Lippenbändchen, was dazu führt, dass beim Anlegen die Oberlippe zwischen Kauleiste und Brustwarze rutscht. Zum Glück blieb ich von wunden Brustwarzen verschont, aber es erforderte ständiges Lösen und neu Anlegen, bis halbwegs angenehmes Stillen möglich war. Das mag erklären, warum mich das Stillen nie mit dieser Glückseligkeit erfüllt hat, von der so viele Mütter berichten. Ich empfand es manchmal mehr als notwendiges Übel. Aber auch ein geringeres, als ständig Fläschchen machen zu müssen. Was sowieso nicht ging. Denn die Fläschchen mit der mühsam durch Ausstreichen oder Abpumpen errungenen Milch hat das Lüff kategorisch verweigert. Ebenso wie den Gebrauch eines Schnullers. So dass wir halt viel und ausgiebig gestillt haben. Und das ganze acht Monate im Vollstillmodus. Denn genauso wenig wie sich unsere Tochter für Flaschen oder Schnuller interessierte, interessierte sie sich für jegliche Art von Nahrungsquelle, die nicht mit meiner Brust zu tun hatte. Sehr fixiert, dieses Kind.

26 Monate lang der schönste Platz der Welt fürs Lüff.

Mit acht Monaten fing sie dann an, Nahrung für sich zu entdecken. An Füttern war allerdings nicht zu denken. In den Mund stecken lies sie sich nichts. Auch alles Breiartige war lange Zeit verpönt. Nur wenn sie selbst matschen konnte, war sie ein zufriedener Esser. Auf diese Art kamen wir zum baby led weaning, ohne die Bezeichnung damals überhaupt zu kennen. Das Stillen blieb lange Zeit aber ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags und  unserer Nächte. Mindestens zwei Mal in der Nacht wurde getrunken und vor allem ausgiebig genuckelt. Versuchte ich sie von der Brust zu lösen, bevor sie wieder in den Tiefschlaf gefallen war, erntete ich empörtes Geschrei, und das Ganze dauerte noch länger. Eine ziemlich nervige und Kräfte zehrende Angelegenheit (dass es noch schlimmer kommen könnte, lag damals außerhalb meines Vorstellungsbereichs). Ich startete einige halbherzige, nächtliche Abstillversuche, die mit einem derartigen Gebrüll quittiert wurden, dass ich beschloss, dass Stillen das kleinere Übel sei und gerade auch im Familienbett sowieso bequemer, als zweimal in der Nacht eine Flasche bereiten zu müssen, wie bei unserem Großen. Und so machten wir weiter, über den Beginn meiner dritten Schwangerschaft hinaus. Erst im sechsten Schwangerschaftsmonat, als meine Brustwarzen immer empfindlicher wurden und das Stillen nur noch weh tat und ich dem Ganzen so gar nichts Schönes mehr abgewinnen konnte, stillten wir dann ab. Geklappt hat das aber nur, weil wir beide von einem derart heftigen Magen-Darm-Virus getroffen wurden, dass sowohl ich als auch das Lüff zu schwach zum Stillen waren und sich das Ganze in der Woche danach dann irgendwie von selbst erledigt hatte.

Ein paar Wochen später flüsterte das Lüff mir beim ins Bett bringen ins Ohr:
„Mama, ich würde so gerne nochmal Busi probieren! Darf ich?“ Natürlich ließ ich sie. Aber offensichtlich hatte die kurze Zeit gereicht, um die Technik zu verlernen. Mit enttäuschtem Blick sagte sie zu mir:
„Geht nicht mehr. Ist kaputt.“

Stillen die Erste! Von Pilos und Milchkotze.

Stillen ist ja immer wieder Thema.  Stillste nicht, isses verkehrt. Stillste zu lange, isses auch verkehrt. Eigentlich kann man es als Mutter ja nur verkehrt machen. 😉 Ich bin zum Glück weitestgehend von irgendwelchen Kommentaren verschont geblieben und konnte es immer so machen, wie es für mich und meine Kinder passte. Und das ist doch auch, worauf es ankommt. Mach es so, wie es für euch passt!

Schon in der Schwangerschaft mit dem Krieger war ich sicher, dass ich stillen wollte. Bis zum ersten Geburtstag. Und dann sollte es genug sein. Die Jüngste Tochter meiner Tante ist so alt wie unser Großer und sie und ihre vier älteren Geschwister wurden alle das erste Lebensjahr gestillt. Das war bei meinem ersten Kind irgendwie Vorbild für mich. Bald neun Jahre ist das jetzt her.

Der Krieger an der mütterlichen Brust. Im Rückblick die entspannteste Stillbeziehung von allen.

Damals war es in der Klinik, in der ich alle meine drei Kinder entbunden habe, noch üblich, dass die Kinder direkt zugefüttert wurden, wenn die Schwestern den Eindruck hatten, sie würden nicht genug aus der Brust bekommen. Tatsächlich hat es bei meinen ersten beiden Kindern jedesmal geschlagene 5 Tage gedauert, bis die Milch eingeschossen war. Dann klappte es aber eigentlich ganz gut mit dem Stillen. Trotzdem hatte ich mir aus unerfindlichen Gründen von meiner Hebamme einreden lassen, dass ich nicht genug Milch hätte und habe in den ersten Wochen zugefüttert. Trotz Flasche und Schnuller wurden wir von der berüchtigten Saugverwirrung verschont, und als ich dann nach kurzer Zeit anfing, meine Milch ins Waschbecken auszustreichen, um einen Milchstau zu verhindern, habe ich das Milchpulver dann doch recht schnell in die hinterste Schrankecke verbannt. Da ich nie abpumpen konnte und meine Milchbar auch beim Ausstreichen keine nennenswerte Menge produziert hat, war ich aber ganz froh darum, dass mein Mann auch mal eine Flasche Pulvermilch geben konnte, wenn ich unterwegs war. Es lief super. Wir stillten nach Bedarf, der Krieger trank schnell und effizient. Nach 10 Minuten maximal waren wir fertig und nach nochmal zehn Minuten konnte ich mich und das Kind umziehen, weil die Hälfte der Milch auf ihm und meiner Schulter landete. Und im Haar. Und auf dem Boden. In hohem Bogen und in meinen Augen ungeheuren Mengen. Er war ein klassisches Speikind, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass überhaupt noch etwas in dem kleinen Bauch geblieben war. Der Kleine nahm trotzdem gut zu; alles war toll und entspannt und hätte ewig so weiter gehen können. Wenn, ja wenn nicht die dummen Zähne uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Pünktlich mit sechs Monaten begann das Zahnen und damit endete das Stillen durch ziemlich schmerzhafte Art und Weise. Bei jedem Stillen biss der Krieger fest zu, zog den Nippel länger und länger und drehte den Kopf dabei herum. Der klassische Pilo – auch bekannt als Dreh-Zieh-Flopp. Ich versuchte es nett. Ich versuchte es bestimmt. Ich versuchte es leise. Meistens versuchte ich es laut. Ich versuchte es vierzehn Tage. Dann gab ich mich geschlagen und dem Sohn die Flasche. Zum Glück war das abrupte Abstillen bei ihm durch das anfängliche Zufüttern problemlos möglich und er hat sich eigentlich widerstandslos in sein Schicksal ergeben.

Im Nachhinein hätte ich ihn gerne länger gestillt. Damals war es unvorstellbar für mich. Trotzdem war es eine tolle Zeit und wenn ich den großen, wilden Kerl vor mir sehe, denke ich so manches Mal an das kleine, duftende Würmchen zurück, das sich schmatzend an mich schmiegte.