Undank ist der Welten Lohn

Vor längerer Zeit berichtete eine Mutter in ihrem Blog über einen Tag, den sie für ihr Kind freigeschaufelt hatte, der dann aber gar nicht so wurde wie geplant. Ich weiß nicht mehr, wo ich diesen Beitrag aufgeschnappt hatte. Irgendwo im Gesichtsbuch wurde jedenfalls kräftig kommentiert, und einige Mütter ließen sich darüber aus, wie schrecklich undankbar Kinder oft seien , und wie anstrengend es wäre, dass ihre Kinder doch eigentlich nie und überhaupt so gar nicht kooperieren würden, und dass es da doch normal und verständlich sei, wenn man als Mutter mal so richtig ausrastet. Mir brennt schon seitdem ich meine Antwort dort verfasst habe ein Beitrag über die, in meinen Augen sehr große, Kooperationsbereitschaft unserer Kinder in den Fingern. Aber lies vielleicht zuerst bei Schnuppismama  und meinen Perspektivwechsel dazu. Denn „Knupsi“ würde den Tag vermutlich so resümieren (und wenn du keine Lust auf meine imaginierte Kindersicht hast, dann lies einfach am Ende des eingerückten Absatzes weiter):

„Heute hat Mama mich schon viel früher als sonst aus der Kita abgeholt. Das war was ganz besonderes und ich hab mich total gefreut, weil sie sonst immer erst viiiiel später kommt. Leider konnte ich ihr das gar nicht so zeigen, denn wir sind direkt weiter in den Buchladen. Eigentlich war ich ja ganz schön kaputt von meinem Vormittag, ich hab ja so viel neues erlebt in der Kita, aber im Buchladen war es so aufregend. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst gucken sollte und bin von einem Regal zum anderen. Ich durfte mir auch was aussuchen. Das war gar nicht so einfach, bei den vielen tollen Büchern. Schließlich habe ich mich für ein Malbuch entschieden. Wie gut, dass Mama mir beim Aussuchen geholfen hat. Ich will ja nicht, dass sie ungeduldig wird. Sie hat ja immer so viel zu tun. Danach sind wir dann ohne Pause direkt weiter in die Bibliothek. So langsam hätte ich zwar eine Pause gebrauchen können, aber Bücher sind ja so was tolles und ich durfte mir auch noch welche ausleihen. Das fand ich ganz prima und ich hab mich total drauf gefreut mir gleich zu Hause alles in Ruhe anzugucken, weil in der Kuschelecke in der Bücherei entspannen, das ging dann leider nicht mehr. Aber das Angucken zu Hause hat dann auch nicht geklappt, weil wir schon so spät dran waren und meine Schwester von der Schule abholen mussten. Ich wollte ihr dann auch am liebsten sofort die tollen Bücher zeigen, die ich für uns ausgesucht hatte, aber das ging ja leider auch nicht, weil ihre Freundin mitgekommen ist und die großen Mädchen finden dann immer, dass ich sie störe. Dabei möchte ich doch eigentlich nur mitspielen, weil es alleine echt manchmal langweilig ist. Durfte ich aber mal wieder nicht. Da war ich ganz schön enttäuscht. Ich habe es mir aber nicht anmerken lassen, weil ich ja auch noch mein Malbuch hatte und Mama mir dann gesagt hat, ich könnte ihr beim Backen helfen. Puh, da hatte ich ganz schön viel zu tun, den ganzen Tag, und war abends ganz schön kaputt. Und irgendwie klappte dann alles gar nicht mehr so, wie ich wollte und meine Bücher konnte ich auch nicht lesen und irgendwie war das alles ganz schön blöd. Und dann hat Mama mich auch noch angeschrien, dass ich undankbar wäre, weil sie heute so viel für mich gemacht hätte. Dabei habe ich mich den ganzen Tag über so angestrengt, alles gut mitzumachen. Ich glaube, manchmal vergessen die Großen, wie klein wir eigentlich noch sind. Und das ist ganz schön schwer, nach so einem anstrengenden Tag fit und gut gelaunt zu bleiben. Und meine schlechte Laune dann nicht zu zeigen, das muss ich erst noch lernen. Das ist aber so schwer, das Mama das auch nicht immer schafft. Ich verstehe nur nicht, warum es ok ist, dass Mama dann genervt ist, aber ich Ärger bekomme. Aber das lerne ich bestimmt auch noch.“

Wie oft beschweren wir uns, dass unsere Kinder nicht richtig mitmachen und stur ihr eigenes Ding durchziehen, ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen (also uns Eltern, ganz speziell) und wir immer erst laut werden müssten, bevor die lieben Kleinen (die wir in solchen Situationen oft gar nicht so lieb haben) parrieren kooperieren. Und wie oft endet so eine Situation in schrecklichem Gezanke, mit frustrierten Eltern auf der einen und weinenden Kindern auf der anderen Seite. Aber muss es denn wirklich immer so weit kommen?

Nicht, dass du jetzt denkst, ich bin hier der Übermensch mit erhobenem Zeigefinger. Nein, gar nicht. Ich bin eine hitzköpfige, ungeduldige, temperamentvolle Mutter und es gibt genug Situationen, die mich dazu bringen, zu explodieren wie ein Schnellkochtopf. *bähmm* Aber ich finde dieses Verhalten bei mir selbst so schrecklich, dass ich versuche, dem aus dem Weg zu gehen, indem ich mir bewusst mache, ob die Ansprüche, die ich an meine Kinder stelle, gerade gerecht und gerechtfertigt sind. Oftmals sind sie das nämlich so gar nicht. Was wir Erwachsenen in unserem Alltagstrott und unserer zementierten Erfahrungswelt jedoch gern übersehen. Termindruck, Eile, wichtige Verabredungen, Ladenöffnungszeiten… für all das haben kleine Kinder noch kein Bewusstsein. Sie leben im Hier und Jetzt und ihre Welt besteht aus dem, was gerade ist, und ein Zeitempfinden entwickelt sich erst im Grundschulalter. Das Spiel ist ihre Arbeit und hat in ihren Augen die gleiche Priorität, wie unsere Anliegen. Kinder agieren nach dem Lustprinzip (was übrigens auch wir Erwachsenen tun, wenn uns die Möglichkeit dazu gegeben ist) und können nicht erkennen, weshalb unser Vorhaben wichtiger ist, als das was sie tun oder tun wollen. Trotz allem wollen unsere Kinder eigentlich kooperieren – wenn wir ihnen denn die Möglichkeit dazu geben.

Ich selbst versuche deshalb stets, meinen Kindern meine Pläne rechtzeitig mitzuteilen. So dass ich etwa am Vorabend schon sage, wenn es morgens eilig werden könnte. Oder ich sage ihnen, dass sie noch einen gewissen Zeitrahmen zum spielen hätten, dass sie mich dann aber unterstützen müssten. Beim Lüff bin ich oft erfolgreich, wenn ich sie auffordere mir durch ihre Kooperation zu helfen (z.B. „Du musst mir helfen und dich schnell anziehen lassen. Danach kannst du noch ein paar Minuten spielen.“). Meistens ist sie dann sehr engagiert bei der Sache. Aber natürlich nicht immer. Natürlich gibt es auch bei uns Tage, an denen so gar nichts zu klappen scheint. Bei fünf dickköpfigen Menschen bleibt das nicht aus. Wenn es dann doch einmal laut wird, dann halte ich  zwei Dinge für unabdingbar:

1. Ich werde niemals beleidigend!
Ich bin authentisch. Ich bin ein lauter Mensch und ich kann mich nicht verbiegen. So wie ich es meinem Kind gestatte Ärger und Wut zu zeigen, so erlebt es das auch von mir. Trotz allem versuche ich achtsam zu sein und mein Kind nicht durch mein Tun zu verängstigen. Ich bin keine Übermutter, die niemals schreit und halte es auch für falsch, dies nicht zu tun, denn in meinen Augen ist es existenziell mit negativen Gefühlen umgehen zu lernen. Aber ich brülle nicht, bis mein Kind – überspitzt gesagt – heulend und zitternd in der Ecke sitzt.

2. Ich bitte mein Kind um Entschuldigung.
Auch wenn ich der Meinung bin, dass es menschlich ist, laut zu werden, so ist es trotzdem eine unangenehme Verhaltensweise. Ich muss als Mutter nicht unfehlbar sein. Trotzdem muss ich eingestehen können, wenn ich Fehler gemacht habe. Wenn ich in der Lage bin aufrichtig um Verzeihung zu bitten, so lernt es (hoffentlich) auch mein Kind.

Und mal ganz ehrlich: Meist sind wir doch eigentlich diejenigen, die unkooperativ sind. Wir stellen unsere Kinder vor vollendete Tatsachen, ohne dass sie die Wahl haben. Wir planen ihren kompletten Tagesablauf durch, ohne sie zu fragen und wundern uns, dass sie irgendwann nicht mehr mitspielen. Respektieren wir doch unsere Kinder als gleichwertige Familienmitglieder, statt über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Lassen wir sie dort mitentscheiden, wo die Möglichkeit dazu besteht. Und wenn wir genau hinschauen, und mit ganz viel Fantasie versuchen in die Köpfe unserer Kinder zu schlüpfen, dann merken wir schnell, wie sehr sie sich bemühen uns zufrieden zu stellen. Seitdem wir nicht mehr so starre Rahmen ziehen, ist vieles bei uns entspannter und unsere Kinder erscheinen uns gar nicht mehr so undankbar. Am Ende sind vermutlich wir es, die undankbar sind.

Diese Wut ist doch echt zum Kotzen!

Gerade eben habe ich in der Gesichtsbuch-Timeline meines Mannes einen Post gelesen… Ich war versucht, in seinem Namen zu antworten. Kannste na klar nicht bringen. Und bei dem sicherlich lustig gemeinten Post jetzt einen bösen Kommentar drunter zu hauen, ist vielleicht auch nicht unbedingt angebracht. Vielleicht war ja auch alles ganz anders als ich es mir vorstelle. Da es aber meist ziemlich gleich abläuft, mache ich mir jetzt öffentlich Luft, in der Hoffnung, vielleicht den Ein oder Anderen zu erreichen.

Aber, worum geht es eigentlich? Darum:

Da ist also ein Kind in höchster emotionaler Not, in der es vermutlich allein gelassen wurde (was nicht sein muss, ich aber unterstelle, weil ein Kind, das emotional aufgefangen wird, keine halbe Stunde so schreit, bis es sich übergeben muss), und nicht nur, dass der Vater sich über das Verhalten seines Kindes mit so einem Post lustig macht, nein. Es folgen *haha*-Smileys als Reaktion und bissige Kommentare. In unserer Gesellschaft eine ziemlich normale Reaktion, oder? Das Kind schreit rum. Als Eltern versteht man den Grund nicht. Eigentlich interessiert er auch nicht so richtig. Kinder regen sich ja schnell mal auf. Und dann dieses Geschrei. Das nervt aber auch echt abartig. Und dann hört das Kind noch nichtmal, wenn man ihm sagt, es soll sich jetzt mal wieder einkriegen. Vermutlich haben wir dieses elterliche Verhalten alle mehr oder weniger in unserer Sozialisation so erlebt und sehen deshalb gar keine Alternative dazu, als dem Kind das Gefühl zu geben, es sei falsch mit seinem Gefühl der Wut.

Mir tut sowas weh. Und es macht mich wütend. Warum? Weil ich so ein Verhalten schrecklich empathielos finde. Weil es auch anders geht und gar nicht erst soweit kommen muss.

Stell dir einmal vor, du ärgerst dich grade furchtbar über irgendetwas. Vielleicht hast du dich mit deinem Partner gestritten. Oder du warst gerade mit etwas Schönem beschäftigt, und ein Freund reißt dir die Sachen, die du gerade hälst, aus der Hand. Vielleicht ein Buch, das du gerade gelesen hast. Oder dir wird gesagt, du müsstest das, was du tust sofort beenden, weil das, was dein Partner machen will, wichtiger wäre und du erkennst aber nicht, wieso es wichtiger sein soll. Egal was. Stell dir einfach dieses Gefühl vor, das dabei in deinem Bauch entsteht. Bestimmt fällt es dir in so einer Situation schwer, ruhig zu bleiben und nicht zu schreien. Dabei die richtigen Worte zu finden. Ich schätze, auch als Erwachsener fällt es dir schwer, deine Emotionen zu kontrollieren. Du wirst wütend. Aber so richtig. Wie lange brauchst du, bis die Wut nachlässt? 5 Minuten? 10? Vielleicht trägst du sogar deine Wut den halben Tag mit dir herum. Und nun stell dir vor, dein Gegenüber macht dazu noch blöde Bemerkungen, nach dem Motto „Nun stell dich mal nicht so an!“ oder „Was du schon wieder hast!“ oder noch besser: „Wenn du jetzt nicht endlich aufhörst, dann gibt es gleich richtig Ärger!“ Kommen dir diese Sprüche bekannt vor? Würden sie dir helfen? Oder würdest du respektiert werden wollen? Schließlich bist du ja ein erwachsener Mensch, der Respekt verdient hat.

Zu einem Erwachsenen würden wir so etwas kaum sagen. Wie leicht fällt es uns aber, unseren Kindern gegenüber solche Äußerungen zu treffen. Meist aus reiner Hilflosigkeit. Und aus Wut – über deren Wut. Aber nun stell dir einmal vor, du hättest noch nicht gelernt, deine Emotionen zu kontrollieren. Weil dieses Gefühl der Wut noch ziemlich neu für dich ist, und dich ganz unmittelbar trifft und du noch gar nicht weißt, wie du damit umgehen sollst. Kannst du dir vorstellen, wie wütend du sein müsstest, um so zu brüllen, dass du dich übergeben musst? Kannst du dir vorstellen, wie du dich da fühlen würdest? Vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes „zum Kotzen“.

Was glaubst du, würde dir helfen aus dieser Wut heraus zu kommen? Ein Gegenüber, das dir sagt, oder wohlmöglich brüllt, du sollst endlich still sein? Jemand, der dich in deiner Verzweiflung, deiner seelischen Not, deiner Ohnmacht allein am Boden liegen lässt? Oder vielleicht eher jemand, der sich neben dich setzt, und dir das Gefühl gibt, dass er dich ernst nimmt?!

Du musst nicht wissen, warum dein Kind wütend ist. Oftmals ist es schwer, zu erkennen, was diese kleinen Wesen gerade so sehr bewegt. Aber es hilft, da zu sein. Dem Kind zu signalisieren: Ich bin bei dir. du bist nicht allein. Ich nehme dich ernst. Hilf deinem Kind dabei, das Gefühl zu benennen. „Du bist wütend, ich weiß. Vielleicht hilft es dir, wenn ich dich in den Arm nehme / vielleicht kannst du mir sagen, worüber du dich so ärgerst / vielleicht kann ich dir helfen, damit es dir besser geht?“ Warum fällt es uns eigentlich so schwer, unseren Kindern den Respekt entgegen zu bringen, den wir für uns selbst ganz selbstverständlich fordern? Warum machen wir uns im Gegenteil noch lustig? Seit wann ist aus Wut kotzen eine Phase?

Wir nennen das kindliche Verhalten eine „Phase“ – die Trotzphase. Was für ein schrecklicher, antiquierter Begriff! Allein damit zementieren wir schon unsere negative Haltung gegenüber dem Verhalten unserer Kinder. Ich finde das Wort Autonomiephase viel passender. Kleinkinder entdecken, dass sich ihre eigenen Wünsche von denen anderer unterscheiden. Sie müssen lernen, für ihre eigene Integrität einzustehen. Ihre Wünsche von denen anderer abzugrenzen. Lernen, Prioritäten zu setzen und Kompromisse zu schließen. Autonom zu werden. All das tun unsere Kinder für sich, aber niemals gegen uns. Unterstützen wir sie dabei!

Attachment am Arsch vorbei!

Hä? Was’n hier los? Stand nicht kürzlich erst in dem Interview, das die liebe Anja (übrigens eine sehr vielseitig aufgestellte Journalistin und selbst beziehungsorientiert lebende Mama) mit mir geführt hat, unsere Familie lebt das „Attachment Parenting“?! Puh, naja, irgendwie stimmt das ja auch. Nur, dass ich halt kein Freund von Kategorien und Schubladen bin (und ich grade großes Vergnügen mit dem Buch „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“ habe und mich vom Titel inspirieren lies).

Bauchgefühl

Ich mache mein Ding schon immer sehr nach Bauchgefühl und ohne groß drüber nachzudenken, ob es einen Namen hat, und schon gar nicht, ob das Label sich gut macht, sondern mir geht es darum, ob es für mich und uns als Familie gut funktioniert. Das ist auch mit dem Attachment Parenting (AP) so. Ja klar, wir leben das. Nicht als „Erziehungsmodell“ oder Modeerscheinung, sondern weil es unsere Lebenseinstellung ist und war, schon bevor AP in den letzten Jahren mit einer riesen Welle durch die (sozialen) Medien schwappte. Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich manche Erkenntnisse für so selbstverständlich halte, dass ich mich manchmal wundere, dass dazu ganze Bücher geschrieben werden. Oder Begriffe kreiert. Mit „Baby-Led-Weaning“ ging mir das mit dem Wundern nämlich vor ein paar Jahren auch so. Als eine schwangere Nachbarin mir erzählte, also sie wolle ja später auf jeden Fall Baby-Led-Weaning machen. Und ich so voller Zustimmung: „Yeah! Klar, was sonst!,“ und dachte im Stillen, was ist denn das nun wieder für ein neumodischer Kokolores?! Mein bester Freund Google hat mir dann verraten, dass wir das schon lange machen. Wenn man es genau nimmt, so halbwegs schon beim Brei gefütterten Krieger, der mit 8 Monaten seinen Brei am liebsten selbst gelöffelt hat. Und gibst du eigentlich deinem Baby auch mal nen Keks zum lutschen? Ja, siehst du, dann bist du ja auch zumindest Teilzeit-Baby-led-weanerin.

Erziehungkonzepte – für’n Arsch

Ach nee. Darf ich ja nicht behaupten. Weil heutzutage ja alles entweder – oder ist. Wenn schon, denn schon. Sich nur das rausnehmen, was zu einem passt, das ist ab jetzt nicht mehr erlaubt. Jedenfalls darf man dann nicht behaupten, dass man irgendeine  Idee auch nur im Ansatz gut findet. Den Eindruck hatte ich beim Lesen dieses Zeit-Artikels, der wohl als Antwort zu interpretieren ist, auf den Shitstorm, den dieser Artikel vor inzwischen zwei Wochen in der die bindungsorientierte Social Media Welt ausgelöst hat. Eigentlich wollte ich da schon sofort losschreiben,  aber ich war zu beschäftigt damit, mich „selbst aufzugeben“. 😉 Inzwischen sind ja auch schon so viele tolle Stellungnahmen erschienen, dass ich eigentlich gar nix mehr sagen muss. Aber, ach Mensch! Ich mag auch. Weil ich wirklich erschüttert war. Und es immer wieder bin. Wenn ich da so total selbst aufgegeben mit meinem inzwischen-nicht-mehr-Baby dauerstillend im Bett liege und durch die einschlägigen Facebookgruppen scrolle und so viel Unsicherheit lese. Von der jungen Mutter, die sich darum sorgt, dass ihr Baby Schaden nimmt, weil es weint, weil es beim Babyschwimmen zu müde wurde und sie sich erst umziehen musste und es nicht sofort trösten konnte. Weil eine Mutter ihr Baby unbeabsichtigt zum Weinen gebracht hat und nun fürchtet, irgendwas kaputt gemacht zu haben. Weil sie sich alle, wie Caroline in ihrem Zeitartikel, so schrecklich unter Druck setzen, weil sie so dringend alles, aber auch alles richtig machen wollen. Und wisst ihr was, liebe besorgte Mamas: Das ist eigentlich der einzige Fehler, den man machen kann – der Anspruch alles richtig zu machen, das funktioniert nicht. All die tollen Erziehungkonzepte – für’n Arsch, wenn du dich selbst dabei stresst. Elternschaft ist nämlich kein Wettkampf, in dem man darauf schauen soll, was die anderen Eltern machen und ob man es auch so toll hinbekommt. Und unsere Kinder sind keine Trophäen, mit denen wir uns schmücken sollen und uns brüsten, wie toll wir sie durch die Gegend schleppen, im Familienbett kuscheln oder selbst essen lassen. Darum gehts doch beim AP gar nicht. Ging es noch nie. Und ich wundere mich wirklich, woher diese Unsicherheit im Umgang mit unseren Kindern kommt. Liegt es daran, dass so viele junge Eltern als Einzelkinder in kleinen Familien aufgewachsen sind? In meiner Stoffwindelberatung staune ich jedenfalls immer wieder darüber, wieviele Eltern sagen, sie hätten noch nie ein Kind gewickelt. Keine Geschwister, Cousins, Kusinen, nicht Baby gesittet… Das ist schon fast dramatisch, oder? Das ist ein bißchen so, als müsste man sich ans Steuer eines Airbus setzen – ohne Flugschein. Aber ich kann euch was verraten: Ein Baby ist zum Glück kein Flugzeug. Es gibt keinen Absturz, nur weil man das Steuer mal verreißt. Wenn ein Kind grundsätzlich emotionalen Halt durch seine Bezugspersonen hat, dann hat es auch Halt in sich selbst.

Ich hatte das Glück, in einer großen Familie aufzuwachsen, zwar ohne Geschwister, aber viele Tanten und Onkel mit noch mehr Kindern. Und dabei konnte ich eines lernen: Man muss nicht perfekt sein. Im Gegenteil. Das Beste, was unsere Kinder von uns lernen können, ist, dass es ok ist, unperfekt zu sein. Fehler zu machen. Sich dessen bewusst zu sein, zu ihnen zu stehen und daraus zu lernen. Liebenswert zu sein – richtig zu sein – auch wenn man nicht alles richtig macht. Liebevoll im Umgang mit meinen Kindern zu sein und doch mal meckern zu dürfen (aber hinterher entschuldigen!). Die Bedürfnisse meiner Kinder im Auge zu haben, ohne meine eigenen aus den Augen zu verlieren. Macht mich das zu einer besseren Mutter? Weiß nicht. Auf jeden Fall macht es mich zur besten Mutter, die ich sein kann.

 

Müssen Kinder essen müssen?

Als ich Anfang der Woche den Krieger-Sohn von der Schule abholte, empfing mich ein gleichsam verstimmtes wie verstummtes Kind. Erster Schultag nach den Osterferien und gleich scheiße gelaufen – na, toll. Der Sohn faltete sich murrend zwischen seine Schwestern ins Lastenrad und gab, nachdem er seine Knie mit denen vom Lüff sortiert hatte, grimmig bekannt, am heutigen Tage schlechte Laune zu haben. Danach: Funkstille. Danke fürs Gespräch, mein Sohn. Aufklärung kam dann aber schnell über seine Freundin, die uns nach Hause begleitete: Erstens mal durfte er seine Geburtstagssüßigkeiten nicht verteilen, weil keine Zeit gewesen wäre. – Ja nu. Blöd gelaufen, aber morgen ist ja auch noch ein Tag, dachte ich mir. Aber dann. Dann folgte Zweitens auf dem Fuße: Der Krieger hätte keinen Nachtisch bekommen und würde deshalb schmollen. Wie jetzt? Naja, es hätte Burger zum selbst belegen gegeben (was ich, nebenbei bemerkt, ein tolles Schulessen finde), den der Krieger nicht aufgegessen hätte. Aber als er Vanillepudding wollte, hätte Frau L. gesagt, er müsse erst aufessen. Und das hätte dann so lange gedauert, dass für den Nachtisch keine Zeit mehr gewesen wäre. – Klar, da wäre ich auch sauer, sagte ich dem Krieger. Sogar mehr als das, dachte ich im Stillen und finde, dass man das Verhalten der Klassenbetreuerin mal wieder als typisch erzieherische Aktion von Erwachsenen sehen kann. Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht.

Als ich dem Rockstar-Gatten am Abend davon berichtete, regte der sich furchtbar auf: Was der Frau einfallen würde?! Wenns ums Essen geht, würden immer noch die Eltern erziehen. Nicht die Schule. (Wir ja gerade auch nicht. Darum gehts doch, mein Schatz. 😉 ) „Du redest morgen mit der Klassenlehrerin!“ Ja, äh, nur wann? Zahnarzttermin in der Frühe… na, dann am Nachmittag, wenn ich sie noch erwische. Am nächsten morgen hatte Effchen mich dann dankenswerter Weise schon um fünf geweckt, und da das Thema mich umtrieb – zumal der Krieger auch noch das Abendessen verweigert hatte, weil er zu vollgefressen war – und ich sowieso nicht wieder in den Schlaf finden konnte, schrieb ich einen langen, langen Brief an Frau K. und Frau L., in dem ich meine Meinung über Bevormundung, körperliche Integrität, kindliche Autonomie und Fremdbestimmung durch autoritäre Erwachsene kundtat. So ganz allgemein und freundlich aber bestimmt, wie das so meine Art ist. Weil der Rockstar dann aber meinte, persönlich besprochen wäre das vielleicht doch besser, versuchte ich beim nachmittäglichen Abholen, leider erfolglos, noch einen der beiden Protagonisten zu erwischen.

Eingestellt auf eine beleidigte Lehrerschaft, überraschte mich des Kriegers Klassenlehrerin am Abend mit einem Anruf, bei dem sie sich tatsächlich für meinen Einsatz in Form dieses Briefes bedankte, weil sie jetzt endlich auch von Elternseite etwas in der Hand hätte, mit dem sie dieser Unsitte bei den Kollegen in der Klasse (Sozialpädagogen, Lehrern, BUT-Kräften und Co.) endlich einmal beikommen könnte. Sie berichtete mir noch von Diskussionen in der Vergangenheit, in der diese typischen Argumentationen kamen: Ich musste damals auch immer aufessen, etc. pp blabla. Und dass Frau L. ganz zerknirscht gewesen wäre, weil sie hätte ja gar nicht gesagt, der Krieger müsse aufessen. Sie hätte ja nur gesagt: „Na, wenn du satt bist, magst du ja sicher auch keinen Nachtisch mehr!“ *seufz*…ich spare mir an dieser Stelle Ausführungen über manipulatives Verhalten. Wem das nicht ins Auge springt, dem empfehle ich die verlinkten Seiten am Schluss. Auch für die, denen sich bei solchen Sätzen ebenfalls die Zehennägel kringeln, tolle und lohnenswerte Lektüre zum Thema essen müssen und Fremdbestimmung ganz allgemein.

Auf jeden Fall waren des Kriegers Klassenlehrerin und ich uns einig: Satt ist satt und Nachtisch geht immer!

Das und das sagt der Juul!

Geborgen wachsen hat auch einzwei schlaue Worte dazu.

Hier und dort etwas von Elternmorphose.

Und zu guter Letzt auch noch was richtig Wissenschaftliches.

 

 

 

 

 

 

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