Die Geschichte vom Adventskalender. Mit Moral von selbiger.

Draußen regnet es. Passendes Vorweihnachtswetter also. Das Lüff fragt mich gefühlt hundertmal am Tag, wann es endlich schneit. Groß war die Trauer, als kürzlich morgens ein paar einsame Flocken wie ein frostiger Nebelschleier auf den Büschen lagen, die beim Nachhauseweg aus der Kita leider schon davon geschmolzen waren. Seitdem also die dringende Frage: Wann kommt der Schnee? Noch dringender die Frage, wann der Weihnachtsmann kommt! Die wird noch dreimal so oft gestellt und enttäuscht stellt mein großes Mädchen jedesmal fest, dass ihre kleinen Fingerchen die Zahl der Nächte bis zum großen Fest noch nicht erfassen können. „Nur noch ein Mal, Mami!?!“, schaut sie mich dann mit ihren großen, braunen Augen flehentlich an. „Nein, Schatz. Noch viel, viel mehr Mal“, antworte ich dann und verweise auf den Adventskalender, der ihr hilft die Tage zu zählen. Nun, eigentlich zwei Adventskalender. Jeweils. Für die beiden Großen. Der Krieger hatte es sich in den Kopf gesetzt, sich von seinem Taschengeld einen spielzeuggefüllten Adventskalender selbst zu kaufen. Als ich anbot, dass ich das für ihn übernehmen könnte, meinte er: „Nein, Mama. Ich möchte das selbst schaffen!“ So viel Selbstständigkeitsstreben hätte ich an seiner Stelle in diesem Fall nicht an den Tag gelegt. Aber bitte.

Das Lüff hingegen wollte nun lieber ein schokoladengefülltes Exemplar. Da ich aber an die geschwisterlichen Neiddebatten dachte, die unweigerlich folgen würden, wenn nun die beiden so unterschiedliche Kalenderfüllungen entdecken würden, habe ich es nicht übers Herz bringen können, dem Krieger die Schokolade und der Lüff das Spielzeug vorzuenthalten. Nicht ganz uneigennützig habe ich also lieber ein paar Euro mehr investiert, als frühmorgens irgendwelche Diskussionen über mich ergehen lassen zu müssen. Nun könnte der geneigte Leser einwenden, ich hätte ja auch einfach selbst gebastelte Kalender aufhängen können. Touchée! Aber ach und ächz! Ich hatte in diesem Jahr kein größeres Verlangen danach, für gleich drei Kinder irgendwelche Kinkerlitzchen zu besorgen – immerhin 72 an der Zahl – und einzutüten. Wirklich günstiger kommt man damit nämlich auch nicht weg. Fürs kommende Jahr habe ich dem Kriegersohn allerdings schon angekündigt, dass es dann nur noch einen Kalender pro Nase gibt. Wahlweise spielzeug- oder schoko- und selbstbefüllt oder gekauft. Fürs Effchen gibt es in diesem Jahr nur die schokolierte Kaufvariante. Reicht auch für das kleinste Wesen unserer Familie und sorgt jeden Morgen für wonniglich produzierte braune Sabberfäden entlang der Unterlippe. *schmatz*

Besagte Schokokalender führten denn auch am vergangenen Adventswochenende zu einem scharzpädagogischen Vorfall par excellence. Wir hatten Besuch von meiner allerliebsten Mama, die extra über 100 km angereist war, um am Freitag Abend die Kinder zu hüten, so dass der Rockergatte und ich zum Kita-Wichtelabend ausrücken konnten. Am folgenden Morgen schlich sich das Lüff vom Frühstückstisch zum Adventskalender, gefolgt von Großmutters Ausruf: „Finger weg! Wenn du den Adventskalender plünderst, kann der Weihnachtsmann nicht kommen!“ Ensetzt aufgerissene Augen beim Lüff und ein fluchtartiger Rückzug in den Flur, garniert mit leisen Schluchzern sorgten für betretenes Schweigen am Frühstückstisch, gefolgt von der simplen Feststellung meiner Mutter: „Oh, oh! Das war schwarze Pädagogik.“ Ich hastete natürlich sofort hinterher, um mein erschrockenes Kind in die Arme zu nehmen und zu besänftigen und erklärte, dass es dem Weihnachtsmann herzlich egal sei, ob sie die Schokolade aus ihrem Adventskalender nach und nach oder auf einmal essen würde und er in jedem Fall käme. Das schlimmste, was ihr passieren könnte, sagte ich, wäre dass ihr furchtbar übel werden könnte, wenn sie alle Schokolade auf einmal essen würde. Zu allem Überfluss antwortete mir mein weinkrampf-geschütteltes Kind daraufhin, dass es ja die Schokolade gar nicht essen wollte, sondern lediglich vergessen hatte, wie der Nikolaus und der Weihnachtsmann aussehen, und sich mit Hilfe des bunten Bildes des Kalenders nur vergewissern wollte, dass er wirklich einen roten Mantel trägt und einen langen weißen Bart hat. Ich habe das Lüff, untröstlich wie sie war, noch eine ganze Weile getröstet und auch die Oma hat versucht um Entschuldigung zu bitten, wurde aber mit Missachtung gestraft. Für mein dreijähriges Mädchen war die Androhung, der Weihnachtsmann würde zur Strafe nicht kommen unerträglich und sie merkte sehr genau, wie gemein es von der Oma war, so eine Drohung auszusprechen.

Meiner Mutter ist zum Glück sofort klar gewesen, wie dämlich ihre Äußerung war, aber wie es halt so ist – Worte können schneiden wie Messer und einmal ausgesprochen lassen sie sich nicht zurück nehmen. Eigentlich wusste sie ja aus eigener Erfahrung, wie solche unnötigen Drohungen auf eine Kinderseele wirken. Trotzdem hat sie diesen Satz rausgehauen, weil sie es selbst so erlebt und -lernt hatte und man nunmal dazu neigt, die eigenen Erfahrungen ohne darüber nachzudenken weiterzugeben: Ich will, dass mein Kind eine bestimmte Sache tut oder lässt und drohe mit abstrusen Konsequenzen um das Kind mit der Angst vor einer Strafe zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Adultismus at it’s best. Umso schöner fand ich, dass sie in dieser Situation in der Lage war, sich ihrer Enkelin zuzuwenden und um Entschuldigung zu bitten und sie realisierte, dass es nicht ok war, das Kind zu belügen und den lieben Weihnachtsmann als strafenden Onkel darzustelllen.

Die schuldbewusste Oma allerdings hatte bis zu ihrer Abfahrt am folgenden Sonntagmorgen latent verschissen. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass ihr solch unbedachte Äußerungen nicht mehr so schnell entschlüpfen werden.

 

Müssen Kinder essen müssen?

Als ich Anfang der Woche den Krieger-Sohn von der Schule abholte, empfing mich ein gleichsam verstimmtes wie verstummtes Kind. Erster Schultag nach den Osterferien und gleich scheiße gelaufen – na, toll. Der Sohn faltete sich murrend zwischen seine Schwestern ins Lastenrad und gab, nachdem er seine Knie mit denen vom Lüff sortiert hatte, grimmig bekannt, am heutigen Tage schlechte Laune zu haben. Danach: Funkstille. Danke fürs Gespräch, mein Sohn. Aufklärung kam dann aber schnell über seine Freundin, die uns nach Hause begleitete: Erstens mal durfte er seine Geburtstagssüßigkeiten nicht verteilen, weil keine Zeit gewesen wäre. – Ja nu. Blöd gelaufen, aber morgen ist ja auch noch ein Tag, dachte ich mir. Aber dann. Dann folgte Zweitens auf dem Fuße: Der Krieger hätte keinen Nachtisch bekommen und würde deshalb schmollen. Wie jetzt? Naja, es hätte Burger zum selbst belegen gegeben (was ich, nebenbei bemerkt, ein tolles Schulessen finde), den der Krieger nicht aufgegessen hätte. Aber als er Vanillepudding wollte, hätte Frau L. gesagt, er müsse erst aufessen. Und das hätte dann so lange gedauert, dass für den Nachtisch keine Zeit mehr gewesen wäre. – Klar, da wäre ich auch sauer, sagte ich dem Krieger. Sogar mehr als das, dachte ich im Stillen und finde, dass man das Verhalten der Klassenbetreuerin mal wieder als typisch erzieherische Aktion von Erwachsenen sehen kann. Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht.

Als ich dem Rockstar-Gatten am Abend davon berichtete, regte der sich furchtbar auf: Was der Frau einfallen würde?! Wenns ums Essen geht, würden immer noch die Eltern erziehen. Nicht die Schule. (Wir ja gerade auch nicht. Darum gehts doch, mein Schatz. 😉 ) „Du redest morgen mit der Klassenlehrerin!“ Ja, äh, nur wann? Zahnarzttermin in der Frühe… na, dann am Nachmittag, wenn ich sie noch erwische. Am nächsten morgen hatte Effchen mich dann dankenswerter Weise schon um fünf geweckt, und da das Thema mich umtrieb – zumal der Krieger auch noch das Abendessen verweigert hatte, weil er zu vollgefressen war – und ich sowieso nicht wieder in den Schlaf finden konnte, schrieb ich einen langen, langen Brief an Frau K. und Frau L., in dem ich meine Meinung über Bevormundung, körperliche Integrität, kindliche Autonomie und Fremdbestimmung durch autoritäre Erwachsene kundtat. So ganz allgemein und freundlich aber bestimmt, wie das so meine Art ist. Weil der Rockstar dann aber meinte, persönlich besprochen wäre das vielleicht doch besser, versuchte ich beim nachmittäglichen Abholen, leider erfolglos, noch einen der beiden Protagonisten zu erwischen.

Eingestellt auf eine beleidigte Lehrerschaft, überraschte mich des Kriegers Klassenlehrerin am Abend mit einem Anruf, bei dem sie sich tatsächlich für meinen Einsatz in Form dieses Briefes bedankte, weil sie jetzt endlich auch von Elternseite etwas in der Hand hätte, mit dem sie dieser Unsitte bei den Kollegen in der Klasse (Sozialpädagogen, Lehrern, BUT-Kräften und Co.) endlich einmal beikommen könnte. Sie berichtete mir noch von Diskussionen in der Vergangenheit, in der diese typischen Argumentationen kamen: Ich musste damals auch immer aufessen, etc. pp blabla. Und dass Frau L. ganz zerknirscht gewesen wäre, weil sie hätte ja gar nicht gesagt, der Krieger müsse aufessen. Sie hätte ja nur gesagt: „Na, wenn du satt bist, magst du ja sicher auch keinen Nachtisch mehr!“ *seufz*…ich spare mir an dieser Stelle Ausführungen über manipulatives Verhalten. Wem das nicht ins Auge springt, dem empfehle ich die verlinkten Seiten am Schluss. Auch für die, denen sich bei solchen Sätzen ebenfalls die Zehennägel kringeln, tolle und lohnenswerte Lektüre zum Thema essen müssen und Fremdbestimmung ganz allgemein.

Auf jeden Fall waren des Kriegers Klassenlehrerin und ich uns einig: Satt ist satt und Nachtisch geht immer!

Das und das sagt der Juul!

Geborgen wachsen hat auch einzwei schlaue Worte dazu.

Hier und dort etwas von Elternmorphose.

Und zu guter Letzt auch noch was richtig Wissenschaftliches.

 

 

 

 

 

 

Merken,

Merken

Merken

Merken